Die Dimensionen der christlichen Erfahrung - Eine Bewegung in der Kirche

Die Dimensionen der christlichen Erfahrung

Kultur, Nächstenliebe und Mission: das sind die Aspekte, die in der Pädagogik von Comunione e Liberazione, als die authentischen Dimensionen des christlichen Lebens verstanden werden

„‚Dimension‘ ist der Aspekt der Offenheit auf die Gesamtwirklichkeit hin, der in einem menschlichen Geist verwirklicht wird.“ (Luigi Giussani, Der Weg zur Wahrheit ist eine Erfahrung, EOS-Verlag, St. Ottilien 2006, S. 29) „Die Dimensionen stellen […] die wichtigsten Modalitäten eines Gestus dar, diejenigen, nach denen der Wert des Gestus bemessen wird, und diejenigen, die alle seine Möglichkeiten fördern. […] Die Vollständigkeit in den Dimensionen in einem menschlichen Gestus ist nicht einfach eine Frage des Reichtums oder der Fülle, sondern schlechthin die Frage nach dem Tod oder dem Leben des Gestus selbst. Deshalb ist ein Gestus ohne den zumindest impliziten Ansatz all seiner grundlegenden Dimensionen nicht nur arm, sondern entbehrt sogar der Wahrheit: Er widerspricht seiner eigenen Natur, er ist ungerecht.“ (ebd., S. 30)

In der Pädagogik der Bewegung sind die Dimensionen der authentischen christlichen Erfahrung (also einer konkreten, von gelebten Gesten geprägten Erfahrung): Kultur, Nächstenliebe und Mission (oder Katholizität).

a) Kultur, politisches Handeln, Ökumene

„Die Kultur ist die kritische und systematische Erkenntnis einer Erfahrung“, schrieb Don Giussani.
Die kulturelle Lebendigkeit von CL erwächst aus dem Wunsch, zu verifizieren, wie der christliche Glauben ein fruchtbareres und umfassenderes Kriterium zum Verständnis der Wirklichkeit bieten kann. Aus dieser Anliegen sind in Italien und aller Welt hunderte von Kulturzentren und dutzende Privatschulen (oft von Elternvereinigungen initiiert) entstanden, es wurden Verlage aufgebaut, man ist herausgeberisch und journalistisch tätig geworden, Forschungsinstitute und Stiftungen wurden gegründet, und internationale Treffen veranstaltet. Ein Beispiel dafür ist das „Meeting für die Freundschaft unter den Völkern“ in Rimini, bei dem alljährlich bekannte Persönlichkeiten aus aller Welt die brennenden Fragen der Gegenwart diskutieren.

Aus der kulturellen Dimension erwächst von Natur aus die politische.
Das politische Handeln stellt nach Auffassung von Comunione e Liberazione tatsächlich einen der Bereiche dar, in denen der Christ aufgerufen ist, mit höchster Verantwortung und vorbildlicher Großzügigkeit das einheitliche Kriterium zu verifizieren, das sein ganzes Leben bestimmt. Daher ist es nicht überraschend, dass aus den Reihen von CL viele Persönlichkeiten hervorgegangen sind, die sich auf verschiedenen politischen Ebenen engagieren und Verantwortung übernommen haben. Sie lassen sich dabei von der Soziallehre der Kirche leiten und setzen sich für das Gemeinwohl und die Freiheit der Kirche ein. Die politischen Auseinandersetzungen, an denen die ganze Bewegung teilgenommen hat, wie der Kampf für die Erziehungsfreiheit, für die Gleichstellung von Privatschulen mit staatlichen oder für die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips, streben nach der Verwirklichung der Einheit zwischen kultureller Arbeit und politischem Handeln.

Schließlich entspricht das Kulturverständnis von Comunione e Liberazione der ursprünglichsten Bedeutung des Begriffs „Ökumene“. In der Ökumene geht es nämlich nicht darum, einen gemeinsamen Nenner zwischen unterschiedlichen Erfahrungen zu suchen mit dem Ziel eine sanfte Toleranz zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Ökumene zeigt die Fähigkeit auf, jegliche uns noch so fernliegende andere Erfahrung zu umarmen. Kraft der Tatsache, dass niemand der Wahrheit aus eigenem Verdienst, sondern aus Gnade begegnet ist, ist es möglich, jeden kleinsten Schimmer von Wahrheit zu erkennen und zu würdigen.

b) Nächstenliebe: Ungeschuldetheit als Grundgesetz der menschlichen Existenz und die Werke der Nächstenliebe

„Wenn wir etwas Schönes erfahren, dann drängt es uns, diese Erfahrung anderen mitzuteilen. Wenn wir Menschen sehen, denen es schlecht geht, dann drängt es uns, ihnen mit unseren Mitteln zu helfen. Dieses Bedürfnis ist so ursprünglich und so natürlich, dass es in uns wirkt, bevor wir uns dessen überhaupt bewusst sind. Zu Recht wird es als ein Grundgesetz der menschlichen Existenz bezeichnet. So üben wir die ‚Caritativa‘, um diesem Bedürfnis zu entsprechen. Je mehr wir diesem Bedürfnis und dieser Aufgabe bewusst nachgehen, umso mehr verwirklichen wir uns selbst. Gerade wenn wir uns den anderen mitteilen, machen wir die Erfahrung, dass sich unser Leben dabei erfüllt, wie wir es umgekehrt als eine Begrenzung erfahren, wenn wir nichts von uns geben können. Wenn wir uns also für die anderen interessieren und uns anderen Menschen mitteilen, erfüllen wir damit die höchste, ja letztlich einzige Aufgabe unseres Lebens: uns selbst zu verwirklichen, unser Leben zu erfüllen. So üben wir die ‚Caritativa‘, um zu lernen, diese Aufgabe zu erfüllen.
Jesus Christus hat uns dieses Bedürfnis und diese Aufgabe in ihrer tiefsten Bedeutung verstehen lassen, indem er uns das Urgesetz des Seins offenbarte: die Liebe (Caritas). Es ist das alles umfassende Gesetz unseres Daseins, am Leben der anderen Anteil zu nehmen und andere an unserem Leben teilhaben zu lassen. Jesus Christus ist der einzige, der uns das sagt, denn er kennt die Bedeutung aller Dinge. Er weiß, wer Gott ist, von dem wir alle geschaffen sind, er weiß, was das Sein selbst ist.
Das Wort ‚Caritas‘ ist am besten zu verstehen, wenn man bedenkt, wie uns der Sohn Gottes Seine Liebe erwiesen hat: Er gab uns nicht Seinen ganzen Reichtum, was ihm auch möglich gewesen wäre, sondern wurde so armselig wie wir und nahm an unserer Bedürftigkeit teil. So üben wir die ‚Caritativa‘, um zu lernen, so zu leben wie Jesus Christus.“ (Luigi Giussani, Der Sinn der Caritativa, S. 1 f.)
Aus diesen Gründen entstand der Vorschlag der „Caritativa“.

Die ersten Schüler, die an GS teilgenommen haben, gingen in den Sechzigerjahren in den Mailänder Vorort „Bassa“, um Zeit mit Kindern aus Familien in ärmlichen Verhältnissen zu verbringen. Heute gibt es die unterschiedlichsten Vorschläge für die „Caritativa“: Mitarbeit in den Pfarreien, Besuche bei alten Menschen in Wohn- und Pflegeheimen, Jugendlichen bei den Hausaufgaben zu helfen, Menschen in schwierigen Lebenssituationen (wie bei psychischen oder unheilbaren Krankheiten) zu begleiten, Arbeitslosen bei der Suche nach einer Stelle zu helfen, usw. Auch in diesem Fall gilt, wie bei der kulturellen Dimension: Die einzelnen Aktivitäten, von den einfachsten bis hin zu den komplexeren, entstehen aus der freien Initiative der Mitglieder von Comunione e Liberazione und werden nicht von der Bewegung als solcher organisiert.

c) Mission. Ein persönliches Zeugnis, zu jeder Zeit und an jedem Ort

„Die universalen Aufgaben der Kirche sind die normalen Leitlinien für das Christenleben.“ Diesen Satz von Pius XII. hat Don Giussani oft zitiert und dazu bemerkt: „Je mehr man diese universale Dimension liebt, desto treuer kann man auch im Kleinen sein.“
Seit den Anfängen von GS (Gioventù Studentesca/Studierende Jugend) hat er die Jugendlichen zur Mission erzogen, auch indem er ihnen vom Leben der Missionare berichtete, die unter schwersten Bedingungen in den fernsten Ländern tätig waren. Comunione e Liberazione hat stets auch die missionarische Arbeit einzelner Personen, religiöser Einrichtungen und Orden unterstützt.

1962 begann eine missionarische Tätigkeit, die (vielleicht zum ersten Mal in der Kirchengeschichte) vollständig und eigenverantwortlich von Schülern, den ersten „Giessini“ („Schüler von GS“) getragen wurde, und zwar in Belo Horizonte, Brasilien. Dies war der Beginn der Präsenz der Bewegung in Lateinamerika. Vor allem aber lehrte diese Erfahrung den jungen Menschen, dass es letztlich keinen Unterschied gibt zwischen ihrer alltäglichen Präsenz in der Schule oder am Arbeitsplatz und der christlichen Verkündigung durch die vielen Missionare unter schwierigsten Bedingungen in Ländern Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas: Es handelt sich um dieselbe universale Mission der Kirche.
Bei dem Zeugnis im persönlichen Umfeld, zu dem die Bewegung aufruft, geht es in erster Linie darum, seine eigene Arbeit Christus hinzugeben, und nicht so sehr um Initiativen oder Strategien der Verkündigung. Comunione e Liberazione versteht die Mission als Dienst an der Mission der Kirche und als eine Möglichkeit, das Christentum erfahrbar zu machen, und zwar überall dort in der Welt, wo sich Mitglieder von Comunione e Liberazione befinden.

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