Meditation von Papst Benedikt XVI. am ersten Synodentag - Benedikt XVI.

Meditation von Papst Benedikt XVI. am ersten Synodentag

Benedikt XVI.

08.10.2012

Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, Nr. 121 vom 9. Oktober 2012, www.die-tagespost.de

Liebe Mitbrüder!

In meiner Meditation geht es um den Begriff „Evangelium“ „euangelisasthai“ (vgl. Lk 4,18). In dieser Synode wollen wir besser erkennen, was der Herr uns sagt und was wir unsererseits tun können und müssen. Die Meditation besteht aus zwei Teilen: zunächst eine Betrachtung über die Bedeutung dieser Worte, und dann möchte ich versuchen, den Hymnus der Terz „Nunc, Sancte, nobis Spıritus“ zu interpretieren.

Das Wort „Evangelium“ „euangelisasthai“ hat eine lange Geschichte. Es erscheint bei Homer: es ist die Verkündung eines Sieges und folglich die Verkündung von etwas Gutem, von Freude, von Glück. Es erscheint dann im Deuterojesaja (vgl. Jes 40,9) als Stimme, die Freude vonGott verkündet, als Stimme, die zu verstehen gibt, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat, dass Gott, der sich fast aus der Geschichte zurückgezogen zu haben schien, da ist, gegenwärtig ist.  Und Gott hat Macht, Gott schenkt Freude, er öffnet die Türen des Exils; nach der langen Nacht des Exils erscheint sein Licht und ermöglicht seinem Volk die Rückkehr, er erneuert die Geschichte des Guten, die Geschichte seiner Liebe. In diesem Zusammenhang der Evangelisierung tauchen vor allem drei Begriffe auf: „dikaiosyne, eirene, soteria – Gerechtigkeit, Frieden, Heil“. Jesus selbst hat die Worte Jesajas in Nazaret übernommen, als er von diesem „Evangelium“ sprach, das er jetzt gerade den Ausgeschlossenen, den Gefangenen, den Leidenden und den Armen bringt.

Doch für die Bedeutung des Wortes „Evangelium“ im Neuen Testament ist darüber hinaus – den Deuterojesaja, der die Tür öffnet – auch die Verwendung des Wortes im Römischen Reich wichtig, angefangen bei Kaiser Augustus. Hier zeigt der Begriff „Evangelium“ ein Wort, eine Botschaft an, die vom Kaiser kommt. Die Botschaft des Kaisers also – als solche – bringt Gutes: sie ist Erneuerung der Welt, sie ist Heil. Kaiserliche Botschaft und als solche eine Botschaft von Macht und Stärke; es ist eine Botschaft des Heils, der Erneuerung und des Wohlergehens. Das Neue Testament akzeptiert diese Situation. Der heilige Lukas vergleicht explizit Kaiser Augustus mit dem Kind, das in Bethlehem geboren wird: „Evangelium“ - sagt er – ja, das ist ein Wort des Kaisers, des wahren Herrschers der Welt. Der wahre Herrscher der Welt hat von sich hören lassen, er spricht mit uns. Und diese Tatsache als solche ist Erlösung, da das große Leid der Menschen – in jener Zeit wie heute – eben folgendes ist: hinter dem Schweigen des Universums, hinter den Wolken der Geschichte – gibt es da einen Gott, oder nicht? Und wenn es diesen Gott gibt, kennt er uns dann? Hat er etwas mit uns zu tun? Ist dieser Gott gut, und hat das Gute Macht in der Welt, oder nicht? Diese Frage ist heute so aktuell, wie sie es zur damaligen Zeit war. So viele Leute fragen sich: Ist Gott eine Theorie, oder nicht? Ist er Wirklichkeit, oder nicht? Warum lässt er nicht von sich hören? „Evangelium“ bedeutet: Gott hat sein Schweigen gebrochen, Gott hat gesprochen, Gott existiert. Diese Tatsache als solche ist Heil: Gott kennt uns, Gott liebt uns, er ist in die Geschichte eingetreten. Jesus ist sein Wort; der „Gott-mit-uns“, der Gott, der uns zeigt, dass er uns liebt, der mit uns leidet bis zum Tod und aufersteht. Das ist das Evangelium selbst. Gott hat gesprochen, er ist nicht mehr der große Unbekannte, sondern hat sich selbst gezeigt, und das ist das Heil.

Die Frage für uns lautet: Gott hat gesprochen, er hat wirklich das große Schweigen gebrochen, er hat sich gezeigt, doch wie können wir das zu den heutigen Menschen gelangen lassen, damit es Heil werde? Die Tatsache, dass er gesprochen hat, ist an sich das Heil, ist die Erlösung. Doch wie kann der Mensch das wissen? Dieser Punkt scheint mir ein Rätsel, aber auch eine Frage, ein Auftrag für uns zu sein: wir können eine Antwort finden, wenn wir über den Hymnus der Terz „Nunc, Sancte, nobis Sp`ıritus“ nachdenken. In der ersten Strophe heißt es: „Dign`are promptus ingeri nostro refusus, p´ectori“, das heißt, beten wir, dass der Heilige Geist komme, sowohl in uns, als mit uns. Mit anderen Worten: wir können die Kirche nicht machen, wir können nur verkünden, was Er getan hat. Die Kirche beginnt nicht mit unserem „Tun“, sondern mit dem „Tun“ und „Reden“ Gottes. So haben die Apostel nicht nach einigen Versammlungen gesagt: jetzt wollen wir eine Kirche schaffen, und hätten dann in Form einer verfassunggebenden Versammlung eine Verfassung ausgearbeitet. Nein, sie haben gebetet und betend haben sie gewartet, weil sie wussten, dass nur Gott selbst seine Kirche schaffen kann, dass Gott der erste Handelnde ist: wenn Gott nicht handelt, sind unsere Dinge nur die unseren und unzureichend; nur Gott kann bezeugen, dass Er es ist, der spricht und gesprochen hat. Pfingsten ist der Entstehungszustand der Kirche: nur weil Gott als erster gehandelt hat, können die Apostel mit Ihm und mit Seiner Gegenwart handeln und gegenwärtig machen, was Er gegenwärtig macht. Gott hat gesprochen, und dieses „hat gesprochen“ ist das Perfekt des Glaubens, aber immer auch eine Gegenwart: das Perfekt Gottes ist nicht nur eine Vergangenheit, weil es eine wahre Vergangenheit ist, die immer auch die Gegenwart und die Zukunft in sich trägt. Gott hat gesprochen heißt: „er spricht“. Und wie zu jener Zeit nur durch Gottes Initiative die Kirche entstehen konnte, das Evangelium bekannt werden konnte, die Tatsache, dass Gott gesprochen hat und spricht, so kann auch heute nur Gott beginnen – wir können nur mitwirken, doch der Anfang muss von Gott ausgehen.

Daher ist es keine reine Formalität, wenn wir unsere Versammlung jeden Tag mit dem Gebet beginnen: es entspricht vielmehr der Realität selbst. Nur das Vorangehen Gottes ermöglicht unser Voranschreiten, unser Mitwirken, das immer ein Mitwirken ist, nicht allein unsere Entscheidung. Daher ist es immer wichtig zu wissen, dass das erste Wort, die wahre Initiative, die wahre Aktivität von Gott ausgeht, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative einfügen, nur indem wir um diese göttliche Initiative bitten, können auch wir – mit Ihm und in Ihm – Verkünder des Evangeliums werden. Gott ist immer der Anfang, und immer kann nur Er Pfingsten geschehen lassen, die Kirche schaffen, die Wirklichkeit seines „Mit-uns-Seins“ zeigen. Auf der anderen Seite möchte jedoch dieser Gott, der immer der Anfang ist, auch unser Mittun, er will unser Handeln einbeziehen, so dass die Handlungen gewissermaßen göttlich menschlich sind, von Gott ausgehend, aber mit unserem Mittun und unter Einbeziehung unseres Seins, all unseres Handelns.

Wenn wir also neu evangelisieren, ist das immer Zusammenwirken mit Gott, steht das in der Gesamtheit mit Gott, ist das auf dem Gebet und auf Seiner realen Gegenwart begründet.

Unser Handeln, das auf Gottes Initiative hin erfolgt, finden wir nun in der zweiten Strophe dieses Hymnus beschrieben: „Os, lingua, mens, sensus, vigor, confessionem personent, flammescat igne caritas, accendat ardor proximos.“ Hier haben wir in zwei Zeilen zwei entscheidende Substantive: „confessio“ in den ersten Zeilen, und „caritas“ in den zweiten beiden Zeilen. „Confessio“ und „caritas“, als die beiden Weisen, mit denen Gott uns einbezieht, uns mit Sich, in Ihm und für die Menschheit, für seine Geschöpfe handeln lässt: „confessio“ und „caritas“. Dazu gehören die Verben: im ersten Fall „personent“ und im zweiten, „caritas“ – ausgedrückt mit dem Wort Feuer, Glut –, entzünden, aufflammen.

Sehen wir uns das Erste an: „confessionem personent“. Der Glaube hat einen Inhalt: Gott teilt sich mit, doch dieses Ich Gottes zeigt sich real in der Gestalt Jesu und wird im „Bekenntnis“ ausgedrückt, das über die jungfräuliche Empfängnis, die Geburt, das Leiden, das Kreuz, die Auferstehung spricht. Dieses „Sich-Zeigen“ Gottes ist eine Person: Jesus als das Wort, mit einem ganz konkreten Inhalt, das in der „confessio“ zum Ausdruck kommt. Der erste Punkt ist also, dass wir in dieses „Bekenntnis“ eintreten müssen, uns durchdringen lassen, so dass – wie es im Hymnus heißt – inuns und durch uns „personent“. Hier ist es wichtig, auch ein philologisches Detail zu beachten: „confessio“ müsste im vorchristlichen Latein nicht „confessio“, sondern „professio“ („profiteri“) lauten: es bedeutet die positive Darstellung von etwas. Der Begriff „confessio“ hingegen bezieht sich auf eine Situation vor Gericht, einen Prozess, in dem jemand eine Entscheidung trifft und bekennt. Mit anderen Worten: dieser Begriff „confessio“, der im christlichen Latein den Begriff „professio“ ersetzt hat, trägt in sich das martyrologische Element, das Element, vor Instanzen, die dem Glauben feindlich gesinnt sind, Zeugnis abzulegen, auch in Situationen des Leidens und der Todesgefahr Zeugnis abzulegen. Zum christlichen Bekenntnis gehört wesenhaft die Bereitschaft zu leiden: das scheint mir ganz wichtig. Das Wesen der „confessio“ unseres Credo beinhaltet immer auch die Bereitschaft zur Passion, zum Leiden, ja zur Hingabe des Lebens. Und gerade das garantiert die Glaubwürdigkeit: die „confessio“ ist nicht irgendetwas, das man auch sein lassen kann; die „confessio“ impliziert die Bereitschaft, mein Leben hinzugeben, das Leiden anzunehmen. Das ist gerade auch die Nachprüfbarkeit der „confessio“. Man sieht, dass die „confessio“ für uns nicht nur ein Wort ist – sie ist mehr als der Schmerz, sie ist mehr als der Tod. Für die „confessio“ lohnt es sich, wirklich zu leiden, lohnt es sich, bis zum Tod zu leiden. Wer diese „confessio“ ablegt, zeigt auf diese Weise, dass das, was er bekennt, wirklich mehr als Leben bedeutet: es ist das Leben selbst, der Schatz, die kostbare und unermessliche Perle. Gerade in der martyrologischen Dimension des Wortes „confessio“ wird die Wahrheit sichtbar: das geschieht nur für eine Realität, für die es sich lohnt, zu leiden, die sogar stärker als der Tod ist und zeigt, dass es Wahrheit ist, die ich in Händen halte, dass ich sicherer bin, dass ich mein Leben „trage“, weil ich das Leben in diesem Bekenntnis finde.

Jetzt sehen wir, wo dieses „Bekenntnis“ eindringen sollte: „Os, lingua, mens, sensus, vigor.“ Vom heiligen Paulus – Brief an die Römer, 10 – wissen wir, dass der Ort des „Bekenntnisses“ Herz und Mund sind: es muss im tiefsten Herzen, aber auch öffentlich sein; der ins Herz gebrachte Glaube muss verkündet werden: er ist niemals nur eine Realität im Herzen, sondern darauf ausgerichtet, mitgeteilt zu werden, wirklich vor den Augen der Welt bekannt zu werden. So müssen wir lernen, einerseits wirklich im Herzen vom „Bekenntnis“ – sagen wir – durchdrungen zu sein, so wird unser Herz geformt, und vom Herzen auch, gemeinsam mit der großen Geschichte der Kirche, das Wort finden und den Mut des Wortes und das Wort, das unsere Gegenwart anzeigt, dieses „Bekenntnis“, das dennoch immer eines ist. „Mens“: das „Bekenntnis“ ist nicht nur eine Sache des Herzens und der Lippen, sondern auch des Verstandes; es muss gedacht werden, und so, als gedacht und auf verstandesmäßige Weise aufgefasst, berührt es den anderen und setzt immer voraus, dass mein Denken wirklich im „Bekenntnis“ begründet ist. „Sensus“: es handelt sich nicht um etwas rein Abstraktes und Intellektuelles, die „confessio“ muss auch die Sinne unseres Lebens durchdringen. Der heilige Bernhard von Clairvaux hat uns gesagt, dass Gott in seiner Offenbarung, in der Heilsgeschichte, unseren Sinnen das Vermögen gegeben hat, die Offenbarung zu sehen, zu berühren, zu kosten. Gott ist nicht mehr nur etwas Spirituelles: er ist in die Welt der Sinne hineingetreten und unsere Sinne müssen von diesem Genuss, von dieser Schönheit des Wortes Gottes, das Wirklichkeit ist, erfüllt sein. „Vigor“: das ist die Lebenskraft unseres Seins und auch die Rechtskraft einer Realität. Mit all unserer Lebendigkeit und Kraft müssen wir von der „confessio“ durchdrungen sein, die wirklich „personare“ muss; unser Sein in seiner Ganzheit muss die Melodie Gottes anstimmen.

„Confessio“ ist sozusagen die erste Säule der Evangelisierung und die zweite ist die „caritas“. Die „confessio“ ist nichts Abstraktes, sie ist „caritas“, sie ist Liebe. Nur so spiegelt sie wirklich die göttliche Wahrheit wider, die als Wahrheit unweigerlich auch Liebe ist. Der Text beschreibt diese Liebe mit äußerst eindringlichen Worten: sie ist Glut, sie ist Flamme, sie entzündet die anderen. Es gibt eine Passion in uns, die aus dem Glauben wachsen muss, die sich in glühende Liebe verwandeln muss. Jesus hat uns gesagt: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen. Origenes hat uns ein Wort des Herrn überliefert: „Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe.“ Der Christ darf nicht lau sein. In der Offenbarung heißt es, dass dies die größte Gefahr für den Christen darstellt: dass er nicht nein sagt, sondern ein laues Ja. Diese Lauheit bringt das Christentum geradezu in Verruf. Der Glaube muss in uns Flamme der Liebe werden, eine Flamme, die mein Sein wirklich entzündet, die große Passion meines Seins wird und so den Nächsten entzündet. Das ist die Weise der Evangelisierung: „Acc ´endat ardor proximos“, dass die Wahrheit in mir Liebe werde und die Liebe wie ein Feuer auch den anderen entzünde. Nur indem wir den anderen durch die Flamme unserer Liebe entzünden, kann die Evangelisierung wirklich wachsen, die Gegenwart des Evangeliums, das nicht mehr nur Wort ist, sondern gelebte Wirklichkeit.

Der heilige Lukas berichtet uns, dass an Pfingsten, bei dieser Gründung des Kirche Gottes, der Heilige Geist Feuer war, das die Welt verwandelt hat, aber Feuer in Form einer Zunge, also Feuer, das trotzdem auch vernünftig ist, das Geist ist, das auch Verstehen ist; Feuer, das mit dem Denken, mit der „mens“ vereint ist. Und gerade dieses verständige Feuer, diese „sobria ebrietas“, ist charakteristisch für das Christentum. Wir wissen, dass das Feuer am Beginn der menschlichen Kultur steht; das Feuer ist Licht, es ist Wärme, es ist Kraft der Verwandlung. Die menschliche Kultur beginnt in dem Moment, in dem der Mensch die Macht hat, Feuer zu machen: mit dem Feuer kann er zerstören, doch mit dem Feuer kann er auch verwandeln, erneuern. Das Feuer Gottes ist verwandelndes Feuer, Feuer der Passion – gewiss –, das auch vieles in uns zerstört, das zu Gott führt, aber vor allem Feuer, das verwandelt, erneuert und eine Neuheit des Menschen schafft, der Licht in Gott wird.

So können wir zum Schluss nur den Herrn bitten, dass die „confessio“ tief in uns begründet sein möge und Feuer werde, das die anderen entzündet; so wird das Feuer seiner Gegenwart, die Neuheit seines Seins mit uns, wirklich sichtbar und Kraft der Gegenwart und der Zukunft.

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller.
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