Carrón: Eine grenzenlose Sendung für die Bewegungen - Artikel

Carrón: Eine grenzenlose Sendung für die Bewegungen

Francesco Ognibene (Interview mit Julián Carrón) Avvenire

19.07.2016 - Der Präsident von Comunione e Liberazione über das Schreiben „Iuvenescit Ecclesia“

Iuvenescit Ecclesia, die Kirche wird verjüngt …“ Diese Einleitung des Schreibens an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Beziehung zwischen hierarchischen und charismatischen Gaben im Leben und in der Sendung der Kirche klingt wie eine freudige Feststellung. Das Schreiben trägt das Datum von Pfingsten 2016 und ist von der Kongregation für die Glaubenslehre unterzeichnet. In der Tat folgt der Inhalt in fünf Kapiteln und 24 Paragraphen dem Gedanken, sich erneut der unterschiedlichen Ausdrucksformen bewusst zu werden, die der Heilige Geist unablässig im lebendigen Gewebe der Kirche hervorruft und durch die er sie beständig erneuert. Dies betonte schon das Zweite Vatikanischen Konzil vor einem halben Jahrhundert, dies wiederholt heute der Heilige Stuhl mit Worten, die durch die Erfahrung und die Geschichte bekräftigt werden. Und beides teilt die Bewegung Comunione e Liberazione in dieser langen und doch noch kurzen Etappe ihrer Geschichte nach dem Konzil. Die kirchliche Bewegung ist weltweit verbreitet und trägt doch die unverwechselbaren menschlichen Züge jedes einzelnen Ortes, an den die geistlichen Jünger von Don Luigi Giussani gelangen, um dort sein missionarisches und pädagogisches Charisma zu verbreiten. Don Julián Carrón ist einer von ihnen. Er ist berufen, das anspruchsvolle Zeugnis aufzunehmen – wie es das Schicksal aller ist, die auf einen Gründer folgen – und es weiterzutragen und weiter zu verbreiten, als Präsident der Fraternität von CL. Dabei treibt ihn auch der Enthusiasmus eines Papstes, der dieselbe Muttersprache spricht wie er.

Don Carrón, das Schreiben will „eine fruchtbare und geordnete Teilnahme der neuen Vereinigungen an der Gemeinschaft und an der Sendung der Kirche fördern“. Wie verstehen Sie die Zielrichtung des Dokumentes?

Es ist eine väterliche Geste der Kirche gegenüber den Gaben, die der Geist in ihr hervorruft, um sie zu verjüngen, und stellt deren Ausdrucksformen in einen Bezug zu den Gaben der Hierarchie. Nur wenn man das Wesen dieser Beziehung versteht, können die charismatischen Gaben dazu dienen, die Gemeinschaft und die Sendung der Kirche zu vertiefen.

Einer der zentralen Punkte des Textes betrifft die Beziehung zwischen dem Charisma und dem Dienst an der Kirche. Was lehrt uns die Erfahrung von CL in dieser Hinsicht?

Don Giussani hat uns immer dazu erzogen, nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch sein Handeln, uns in den Dienst der Kirche zu stellen, durch die Art, wie er jede Anfrage von Seiten des Papstes oder der Bischöfe ernstnahm. Er lebte den Gehorsam als höchste Tugend der Nachfolge Christi. Außerdem lud er uns unablässig zur Mission ein und erzog uns so zum Dienst an der Kirche. Er verstand die gesamte Bewegung als Teil der umfassenden Sendung der Kirche. Er hat uns von Anfang an aufgefordert, die Dimensionen der Welt mit jener grenzenlosen Offenheit zu leben, wie wir sie bei Papst Franziskus sehen. Bedenken Sie, dass die ersten Jugendlichen der Bewegung im Januar 1962 nach Brasilien aufgebrochen sind, um dort Christus mitzuteilen, der ihr Leben verändert hatte.

Zu welchem Zweck wird das Charisma einer kirchlichen Realität geschenkt? Und wie ist die große Vielfalt der Charismen zu verstehen?

Ihr Ziel ist die „apostolische Sendung der Kirche“. Der heilige Paulus sagt: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“, und zwar ebenso demjenigen, der sie empfängt, wie der Kirche als ganzer. „Alles geschehe so, dass es aufbaut.“ Die Vielfältigkeit zeugt von der Großzügigkeit Gottes, der mit seiner Fantasie der Kirche diese Vielfalt an Charismen schenkt, um jeden entsprechend seiner persönlichen Sensibilität, Geschichte oder Kultur zu erreichen, auf eine Weise, die für ihn anziehend und überzeugend ist.

Beschäftigen wir uns kurz mit einer konkreten Wirklichkeit wie jener der Pfarrei: Auf welche Weise sollte sich die Präsenz einer Bewegung in das Leben der Pfarrei einbringen?

Die Gemeinde und die Bewegung sind berufen, gemäß ihren jeweiligen Aufgaben an der einen Sendung der Kirche mitzuwirken. Die Bewegungen können die Menschen im Bereich von Arbeit, Freizeit, Bildung und so weiter erreichen, damit sie dann am Leben der christlichen Gemeinschaft teilnehmen, die sich in der Pfarrei zusammenfindet. Die Mitglieder der Bewegungen arbeiten schon seit längerem überall in den Bereichen Katechese, Caritas und Liturgie im Herzen der Gemeinden mit.

Was hat Comunione e Liberazione im Laufe der Zeit auf seinem Weg in der Kirche in Bezug auf seine spezifische Mission entdeckt?

Einer der wesentlichen Aspekte des Schreibens besteht darin, dass es sich auf „Vereinigungen von Gläubigen, kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften“ bezieht. Das sind alles Gruppierungen, die verbindet, dass sie „auf einen tendenziell umfassenden christlichen Lebensentwurf abzielen“ oder „erneuerte Formen der Nachfolge Christi“ vorschlagen, ohne eine spezifische Eigenheit. Wir erkennen uns vollkommen in dieser Beschreibung wieder, nach der diese Gruppierungen die Aufgabe haben, „die Faszination der Begegnung mit dem Herrn Jesus sowie die Schönheit eines ganz und gar christlichen Lebens in neue soziale Schichten“ hineinzutragen. So wie Don Giussani in seinem letzten Brief an Papst Johannes Paul II. schrieb: „Ich meine, dass der Genius der Bewegung, die ich entstehen sah, aus der Notwendigkeit einer Rückkehr zu den grundlegenden Aspekten des Christentums entstand, das heißt aus der Leidenschaft für das christliche Ereignis als solches in seinen wesentlichen Aspekten – und nichts weiter.“

Wie erzieht man sich dazu, zu erkennen, was der Heilige Geist von den Bewegungen in dieser geschichtlichen Phase verlangt, die man als eine Zeit der Reife in Bezug auf ihre Präsenz und ihr Handeln bezeichnen könnte?

Der Papst lädt uns dazu ein, eine Kirche zu sein, die „herausgeht“. Wie uns der Papst am Ende der Vollversammlung des Päpstlichen Rats für die Laien gesagt hat, sind „die Tätigkeiten der Kirche stets auf das Gesicht, den Verstand, das Herz konkreter Menschen ausgerichtet [...], um die Horizonte zu erweitern und die neuen Herausforderungen anzunehmen, vor die die Wirklichkeit uns stellt [...]. Erhebt also auch ihr den Blick und schaut nach ‚draußen‘, blickt auf die vielen ‚Fernstehenden‘ unserer Welt“. Nur indem wir hinausgehen, um den Bedürfnissen der Menschen zu begegnen, nur durch die Wirklichkeit und die Nöte der Menschen können wir erkennen, was der Heilige Geist von uns erwartet, wenn er uns die Gnade des Charismas schenkt.

Wozu sehen Sie sich durch das Wort und das Zeugnis von Papst Franziskus aufgerufen?

Zu lernen, mit den Menschen unserer Zeit auf einfache und für alle verständliche Weise ins Gespräch zu treten: eine Begegnung, die bei unseren Gesprächspartnern Neugier und Sehnsucht hervorrufen kann.

Wenn Sie Menschen persönlich begegnen, was schlagen Sie dann denen vor, die sich heute der Wirklichkeit von Comunione e Liberazione annähern und was erwarten Sie von ihnen?

Wir bieten ihnen die Faszination und Schönheit des Glaubens an, eines Glaubens, der in den Umständen unserer Zeit gelebt wird. Ich erwarte von ihnen die Einfachheit, uns anzunehmen aufgrund dessen, was wir durch unser Leben von jener Faszination bezeugen können, die uns durch die Gnade einer Begegnung ergriffen und verändert hat.

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