Botschaft für die XXXV. Wallfahrt nach Tschenstochau - Julián Carrón

Botschaft für die XXXV. Wallfahrt nach Tschenstochau

Julián Carrón

03.08.2015

„Die größte Freude des menschlichen Lebens besteht darin, Jesus Christus lebendig zu spüren im Fleisch der eigenen Gedanken und des eigenen Herzens“ (Don Giussani). Es gibt nichts Überwältigenderes, als Christus lebendig in unserem Inneren zu spüren, nicht als fromme Erinnerung, sondern als Gegenwart, die unser ganzes Leben durchdringt.

Liebe Freunde, wenn ihr nach Tschenstochau pilgert, bittet die Muttergottes darum, dass Christus das Zentrum eures Lebens sei.

Papst Franziskus erinnert uns daran, dass „die Wahlfahrt ein Symbol des Lebens ist, dass das Leben Gehen ist, dass es ein Weg ist“. Mit einer unglaublich liebevollen Geste weist er uns darauf hin, dass „ein Mensch, der nicht geht, sondern stehenbleibt, nutzlos ist; er tut nichts. Denkt nur an das Wasser: Wenn das Wasser nicht fließt, sich nicht bewegt, sondern länger steht, dann wird es schlecht. Wenn eine Seele im Leben nicht vorangeht und Gutes tut, vieles tut, was es zu tun gilt, für die Gesellschaft, um anderen zu helfen, und wenn sie auch nicht vorwärts geht auf der Suche nach Gott, wenn der Heilige Geist sie nicht von innen her bewegt, dann ist diese Seele nur Mittelmaß und wird schließlich geistig verelenden. Ich bitte euch: Bleibt nicht stehen im Leben!“ Was für ein Geschenk ist es, gehen zu können mit einem so zuverlässigen Gefährten, der einen unterstützt!

Ihr habt also etwas wirklich Entscheidendes, um das ihr bitten könnt: dass unser Leben niemals stehenbleibt, sondern alles immer mehr von dem auferstandenen Christus durchdrungen wird. „Im Geheimnis der Auferstehung erreicht unser christliches Selbstbewusstsein seinen Höhepunkt und Gipfel, und mithin das neue Selbstbewusstsein, das ich von mir habe, die Art und Weise, wie ich alle Menschen und Dinge betrachte“ (Don Giussani), angefangen bei mir selbst.

Seine Gegenwart im Blick, bewahrt im Gedächtnis, möge uns immer vertrauter werden, so dass wir alles aus dieser Gegenwart heraus betrachten können, auch unsere Niederlagen. „Wir alle haben im Leben Niederlagen und Fehler erlebt. Aber wenn du einen Fehler gemacht hast, dann steh sofort auf und geh weiter. ‚Sing und geh‘, sagte der heilige Augustinus seinen Gläubigen. Geht in Freuden und geht auch, wenn euer Herz traurig ist. Ihr müsst immer gehen. Und auch wenn du einmal stehenbleiben musst, sei es um dich ein wenig auszuruhen oder um ein wenig durchzuschnaufen, damit du dann wieder weitergehen kannst: Sing und geh! Sing und geh, immer! Ihr macht diese Wahlfahrt ‚liebkost von der Barmherzigkeit‘. Die Barmherzigkeit Jesu verzeiht alles, sie wartet immer auf dich, sie liebt dich immer sehr “ (Papst Franziskus). Bittet die Muttergottes um diese Vertrautheit mit Christus, auf dass ihr in jedem Umfeld, egal wo ihr euch befindet – ob an der Universität oder bei der Arbeit – Zeugnis von der Neuheit ablegen könnt, die Er in unser Leben gebracht hat.

Aber weil wir schwach sind und weil ihr auf der langen Wallfahrt entmutigt oder abgelenkt werden könntet, fordert der Papst uns auf, uns davor nicht zu fürchten. Das Licht seiner Worte hilft uns dabei: „Die christliche Moral ist nicht die titanische Willensanstrengung dessen, der beschließt, kohärent zu sein, und es auch schafft, eine Art einsame Herausforderung angesichts der Welt. Nein. Das ist nicht die christliche Moral, das ist etwas anderes. Die christliche Moral ist Antwort, sie ist die gerührte Antwort auf eine Barmherzigkeit, die überrascht, unvorhersehbar ist, ja sogar ‚ungerecht‘ nach menschlichen Maßstäben. Die Barmherzigkeit von Einem, der mich kennt, meinen Verrat kennt und mich trotzdem liebt, mich schätzt, mich umarmt, mich erneut ruft, auf mich hofft, auf mich wartet. Die christliche Moral besteht nicht darin, dass man nie fällt, sondern darin, dass man immer wieder aufsteht, dank Seiner Hand, die uns ergreift.“

Wer könnte ohne diese Gewissheit weitergehen? Und wer könnte sein Leben betrachten, mit all den Belastungen und der Bürde der eigenen Fehler, ohne diese Gewissheit? In dieses große Geheimnis einzutauchen, gemeinsam zu gehen, kann wirklich eine Gnade für alle sein. Denn wie oft erwarten wir, dass alles klar ist, bevor wir anfangen. Und das blockiert uns. Stellt euch einen Jungen vor, der sich in ein Mädchen verliebt. Wenn er sich fragen würde: „Traue ich mich oder traue ich mich nicht? Ich muss mir erst klar werden, ich muss erst sicher sein ...“ Wie könnte er hoffen, Gewissheit über diese Beziehung zu erlangen, wenn er nichts riskiert? Er muss den ersten Schritt tun. Und er hat vom ersten Moment an das Licht, das er für den ersten Schritt braucht. Denn das Mädchen hat ja sein Interesse geweckt. Bei anderen verspürt er nicht den Wunsch, sie wiederzusehen, bei ihr schon. Also sieht er sie wieder und denkt, wie schön es ist, mit ihr zusammen zu sein. So macht er einen weiteren Schritt, und noch einen, und noch einen. Mit der Zeit werden die Dinge klar. Wir vergessen immer, dass das Leben wie ein Same ist, der sich mit der Zeit entwickelt. Johannes und Andreas wussten nicht, wohin Jesus sie führen würde. Aber sie konnten dem Wunsch nicht widerstehen, Ihn auch am nächsten Tag wieder aufzusuchen. Bei der ersten Begegnung hatten sie etwas Außergewöhnliches wahrgenommen. Deshalb war es vernünftig, Jesus zu folgen. Indem sie dem nachgingen, was sie gesehen hatten, und Ihm folgten, wurde mit der Zeit alles klar.

Bei jedem Schritt auf eurem Weg zur Schwarzen Madonna, bei dieser 60. Wahlfahrt seit dem Entstehen der Bewegung und zehn Jahre nach dem Tod Don Giussanis, bitte für euch selbst, für mich und für all unsere Freunde auf der ganzen Welt, dass wir unser Charisma so leben, wie Papst Franziskus uns gebeten hat: als die Weise, wie Christus uns einlädt, Ihm heute zu folgen, indem wir anerkennen, dass er das Zentrum ist. Wenn ihr für den Papst betet, bittet auch um die Einfachheit, ihm
affektiv und effektiv folgen zu können.

Gemeinsam mit euch auf dem Weg,

Euer Julián Carrón

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