Ein Sprung im Selbstbewusstsein - Julián Carrón

Ein Sprung im Selbstbewusstsein

Julián Carrón

11.03.2018

Mitschrift der Zusammenfassung von Julián Carrón
beim Treffen der Verantwortlichen von Comunione e Liberazione in Italien
Pacengo di Lazise (Verona), 11. März 2018


Haja o que houver
Canzone di Maria Chiara

„Die Tatsachen vor Augen, die Bibel in der Hand“, empfahl der heilige Augustinus (Sermo 360/B,20: Sermo sancti Augustini cum pagani ingrederentur). Im Moment ist das offensichtlichste Indiz dafür, ob wir tatsächlich die Tatsachen vor Augen haben, die die Gegenwart Christi anzeigen, die Art und Weise, wie wir die Psalmen gebetet haben (die Bibel). Wenn wir die Tatsachen vor Augen haben, dann sprechen die Psalmen in einer Dichte und Tiefe zu uns, die uns sonst entgeht. Der Psalm 46, den wir gerade gesungen haben, ist wie eine Zusammenfassung dessen, was wir in diesen Tagen erlebt und gesagt haben. Wer weiß, was der Mensch, der ihn geschrieben hat, für Erfahrungen mit Gott gemacht hatte? Nur mit dem Herrn vor Augen, mit dem Herrn im Blick konnte er die Herausforderungen des Lebens meistern. „Gott ist uns Zuflucht und Stärke / ein bewährter Helfer in allen Nöten. / Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres, wenn seine Wasserwogen tosen und schäumen / und vor seinem Ungestüm die Berge erzittern. […] Die Gottesstadt […] wird niemals wanken“, denn „Gott ist in ihrer Mitte“ (Ps46,2-6).

Diese Gewissheit erlangt man nicht, wenn man das Leben vom Balkon aus betrachtet, sondern nur, wenn man sich vom Wanken der Erde herausfordern lässt. So kann man jedes Mal, wenn man auf die Wirklichkeit prallt, erkennen: „Der Herr der Heerscharen ist mit uns, / der Gott Jakobs ist unsere Burg. / Kommt und schaut die Taten des Herrn, der Furchtbares vollbringt auf der Erde.“ Alles ist Teil des Weges zu Ihm. Nur indem man die Schwierigkeiten, Herausforderungen und konkreten Umstände annimmt, kann man erkennen, dass ein Anderer am Werk ist: „Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin, / erhaben über die Völker, / erhaben auf Erden.“ (Ps 46,8-11) Das ist keine leere Definition, sondern eine so gegenwärtige Wirklichkeit, dass sie umso offensichtlicher wird, je stärker die Herausforderung ist. Wenn wir nicht diesen Weg gehen, wenn es also keine Überprüfung gibt, dann wird unser Glaube irgendwann erlöschen. Früher oder später wird er schwächer werden, nicht weil wir etwas täten, was ihm direkt widerspricht, sondern weil die Angst vorherrschen würde, weil an einem bestimmten Punkt etwas anderes wichtiger würde als Seine Gegenwart. Also, mit diesen Worten des Psalms im Blick können wir nun auf das schauen, was wir erlebt haben.

Die Überprüfung des Glaubens: das Wachstum des Ichs

Wir haben Freitagabend mit einem Zitat von Don Giussani begonnen: „Am Anfang versuchten wir auf etwas aufzubauen, das geschah und das uns ergriffen hatte.“ Weil Don Giussani sich bewusst ist, dass vielen von uns diese Haltung naiv und unrealistisch erscheint, provoziert er uns: „Wie naiv und völlig unangemessen diese Haltung auch sein mag, es ist eine reine Haltung.“ Und er fügt hinzu: „Weil wir sie aufgegeben haben und uns auf eine Position versteift haben, die eher, ich würde sagen, eine ‚kulturelle Umsetzung‘ ist [weil wir unsere Präsenz lieber nach den Konsequenzen messen wollten, die wir selber festlegten] als Begeisterung für eine Gegenwart, kennen wir [...] Christus nicht […], da er uns nicht vertraut ist“ (Una strana compagnia, BUR,Mailand,2017, S. 88 f.).

Wie ich schon beim Eröffnungstag gesagt habe, zeigt uns Don Giussani ein Kriterium, anhand dessen wir überprüfen können, ob wir auf unserem Weg tatsächlich Christus kennenlernen: den Ausgangspunkt, von dem aus wir die Wirklichkeit angehen. „Der Ausgangspunkt des Christen ist ein Ereignis“, wie wir in dem Psalm gesehen haben. Wie sehr die Erde auch wanken mag, der Ausgangspunkt ist immer ein Ereignis. Die Alternative ist ganz einfach: Wie geht derjenige, der nicht vom Ereignis ausgeht, die Wirklichkeit an? „Der Ausgangspunkt der anderen ist ein gewisser Eindruck von den Dingen“ („Avvenimento e responsabilita“, in: Tracce Nr. 4/1998, S. III), ein Eindruck, zum Beispiel, dass die Erde wankt.

In den vergangenen Wochen sind die Wahlen für uns in Italien eine Gelegenheit gewesen, den Glauben zu überprüfen. Wir haben sehen können, ob der Punkt, von dem aus wir sie angegangen sind, ein Ereignis war, oder unser persönlicher Eindruck. Jeder von uns hat eine Haltung eingenommen, hat eine Entscheidung getroffen und kann jetzt schauen, was bei ihm vorherrschend war. Wir haben beobachten können, dass viele Menschen in Italien „ein bestimmter Eindruck von den Dingen“ vorherrschend war. Viele sind zu Hause geblieben, weil bei ihnen Skepsis oder Mutlosigkeit überwog. Sie dachten: Da kann man eh nichts machen. Bei anderen dominierten Angst oder Wut, wie der Ausgang der Wahl zeigt. Gestern sagte einer von euch, die Frage sei, was in diesem Handeln zum Ausdruck komme. Wir könnten darauf verzichten, ein Urteil zu fällen, und uns heraushalten. Oder wir versuchen zu verstehen, was dahintersteckt, was in diesen Aktionen zum Ausdruck kommt, mit denen viele auf etwas reagiert haben, was sie beeindruckt oder erschreckt hat, oft ohne dass sie seine eigentliche Bedeutung verstehen. Wie jemand zu Beginn der Versammlung gesagt hat, führte der so gewonnene Eindruck zu Antworten, die Ausdruck einer existentiellen Leere sind, einer „existentiellen Unsicherheit“, wie Don Giussani sagen würde. Doch das ist schon das erste Zeichen dafür, dass man vom Ereignis ausgegangen ist: Wenn es einem gelingt, tiefer zu schauen als nur auf die Oberfläche, wenn man die wahre und eigentliche Natur des Problems begreift, wenn man erkennt, dass die Antwort begrenzt ist, und merkt, dass sie unangemessen ist. Ich denke immer wieder an das Beispiel des katalanischen Mädchens und des Referendums: Sie brauchte kein Studium in Harvard, um die Dinge klar zu haben. Das deutlichste Anzeichen dafür, dass sie von einem Ereignis bestimmt war, und nicht durch einen Eindruck oder die Ideologie, in deren Dunstkreis sie hineingeboren war und jahrelang gelebt hat, ist, dass es ihr sofort gelang, den totalitären Anspruch der Ideologie aufzudecken. Die erste Bestätigung des Glaubens ist die Fähigkeit zu sehen, das Wirkliche zu sehen.

Das eben Gesagte ist ein Beispiel dafür, was in der derzeitigen Situation eine Antwort sein kann: „Dies ist die Zeit der Person“, sagte Don Giussani. Und der Glaube bestätigt sich, wie gestern deutlich geworden ist, gerade dadurch, dass Leute in menschlicher Hinsicht wachsen. Dass sie sich nicht von Misstrauen oder Wut oder Angst bestimmen lassen, sondern von einem Ereignis ausgehen, das jedem einen wahreren Blick auf die Wirklichkeit ermöglicht. Das ist das Entscheidende: Wir waren bereit, ganz auf den Weg zu setzen, den wir gerade gehen, dessen Wahrheit man daran erkennt, dass unser Ich wächst.

In der Literatur-Beilage des Corriere della Sera vom vergangenen Sonntag ist ein Artikel erschienen, der die Lage, in der wir uns befinden, gut beschreibt: „Was unterscheidet heute die westliche Zivilisation von anderen Zivilisationen? Die moralische Müdigkeit vielleicht. Der Hauptgrund der kulturellen Krise einer Zivilisation ist der Verlust der Überzeugungen, die Schwäche der Institutionen“, also letztlich eine Unfähigkeit zu erkennen. Man erkennt die elementarsten Dinge nicht mehr deutlich, aufgrund einer Schwäche des Subjektes. Das zieht dann alles Übrige nach sich. Worin besteht das Risiko? Der Journalist antwortet: „Das Risiko ist [... der] Stamm“, also dass man sich verschließt, weil man Angst hat. Und „der lähmenden Angst“ müsse man den Mut entgegensetzen, „neue und authentische Bürger zu schaffen“. Denn „beunruhigend“ ist, wie der Autor des Artikels meint, das „Defizit in der Erziehung und der Verfall des Menschlichen“ (D. Breschi, „... o identità culturale“, in: la Lettura – Corriere della Sera, 4. März 2018). Die große Herausforderung ist die Erziehung, es geht vor allem und in letzter Instanz um die Erziehung.

Die Person: eine Konstante unserer Geschichte

Ich wünsche mir, dass das, was wir erleben, was in erster Linie eine Erfahrung ist (wie ich am Anfang gesagt habe), uns besser begreifen lässt und schließlich zu einem Sprung in unserem Selbstbewusstsein wird, was Don Giussani uns so oft und eindringlich gesagt hat: „Der Anfang der Bewegung [in den ersten zehn Jahren] war [ganz] von der Frage nach der Person geprägt! Und die Person ist ein Einzelner, ein Einzelner, der ‚ich‘ sagt. Lange Zeit waren wir die einzigen, die gesagt haben (mit ein wenig Sorge sogar, zu übertreiben), das Ich sei das Selbstbewusstsein des Kosmos, also die gesamte Wirklichkeit sei für den Menschen da. Bei der Erschaffung der Welt hatte Gott als Ziel die Person. […] ‚Ich habe [alles] geschaffen, damit es ein Geschöpf gibt, das sich bewusst wird, dass ich alles bin.‘ […] In den ersten Jahren, in den ersten zehn Jahren, bevor die 68er alles umgestürzt haben und nicht mehr so sehr das Ich, sondern sein Handeln in der Gesellschaft, die Machtergreifung zum Thema gemacht haben. [...] Vor den 68ern [...] war das Thema, mit dem ich immer die Exerzitien begonnen habe [...], ein Satz von Jesus [...]: ‚Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert?‘“ (L. Giussani, In cammino. 1992-1998, BUR, Mailand 2014, S. 337-339) Das erste Jahrzehnt war von diesem Bewusstsein geprägt.

Im Jahr 1972, kurz nach den Umwälzungen der 68er, sagte er: „Dies [...] ist ein sehr schwieriger Moment für unsere Bewegung, ein Moment, in dem unsere Bewegung keine Minute länger eine Haltung einnehmen darf, als wären wir ein Verein. Der Moment ist gekommen, in dem wir nicht länger bestehen könnten (uns nicht länger ertragen würden), wenn nicht alles aus dem Leben entstünde, aus einem veränderten Leben.“ Es ist erschreckend, dass unsere Kinder uns daran erinnern müssen, wie gestern jemand in seinem Beitrag erzählt hat. Don Giussani fährt fort: „Das ganze Durcheinander durch die Proteste konnte nur entstehen, weil das Selbstbewusstsein noch nicht genug gefestigt war. [Passt auf, was er nun sagt. Das scheint der absolute Gipfel der Naivität zu sein.] Und das ganze Durcheinander haben nur die überstanden, die sich die Naivität der Samariterin oder des Zachäus bewahrt hatten.“ (Vgl. Vita di don Giussani, BUR, Mailand 2014, S. 436) Da fällt einem doch nichts mehr zu ein!

1992 kommt Don Giussani auf dieses Thema zurück: „Unser erstes Interesse gilt […] unserem eigenen Subjekt. Unser erstes Interesse ist, dass das menschliche Subjekt entsteht, [...] dass ich begreife, was es ist, und mir dessen bewusst bin [dass ich ein wahres Bewusstsein meiner selbst habe]“ (In cammino, a.a.O., S. 99). Das war seine erste Sorge.

Und 1998 greift Don Giussani den Satz Jesu über den Menschen, der die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst verliert, noch einmal auf und bekräftigt: „Nach 68 ging diese Haltung ein bisschen zurück, aber jetzt haben wir sie wieder aufgenommen. Denn die Folgen der Politik oder der ‚Revolution‘ [dass sich also unsere Aufmerksamkeit auf die Politik verlagert hat; zu Beginn hatte ich schon zitiert, dass wir uns auf eine „kulturelle Umsetzung“ versteift hatten, mehr als uns für eine Gegenwart zu begeistern] haben die extremen Konsequenzen eines Mangels an Bewusstsein, an Selbstbewusstsein aufgezeigt“ (ebd., S. 339). Was geschah, machte ihm immer deutlicher, dass das Problematischste dieser Mangel an Selbstbewusstsein war. Wenn ich daran denke, was wir heute erleben, wünsche ich mir, dass dies auch uns dazu dient, einen Sprung zu machen im Bewusstsein dessen, was wir sind.

Über 40 Jahre lang war das der Ausgangspunkt von Don Giussani. „Wir sind in der heutigen Zeit gewissermaßen am sandigen Ufer einer menschlichen Wüste angekommen, in der der Leidtragende das Ich ist: nicht die Gesellschaft, sondern das Ich. [Gestern haben wir gehört, wie ein Priester uns von Selbstmorden bei 13-Jährigen berichtet hat!] Denn für die Gesellschaft würden alle denkbaren und vorstellbaren Ichs sich umbringen. Während wir der Ansicht sind, dass die Gesellschaft aus der Existenz des Ichs entsteht. [Wie wir gesehen haben, haben sich in letzter Zeit viele Ichs in Bewegung gesetzt – um Lebensmittel zu sammeln, oder bei den Wahlen, und so weiter – Ichs, die eine Gesellschaft aufbauen.] ‚Seid fruchtbar und mehrt euch‘, hat Gott Adam und Eva aufgetragen. Aber das Wesen der Aufgabe von Adam und Eva, ihres Geschaffen-Seins als einzelne Personen, ist, dass sie eine Gemeinschaft bilden. Der Mensch kann nicht leben, kann nichts erkennen oder sich ernähren, wenn er nicht in Gemeinschaft mit anderen ist und anderen begegnet [wie wir später sehen werden]. Wir stehen, wie ich gesagt habe, auf sandigem Boden, am sandigen Rand eines schrecklichen Zusammenbruchs des sozialen Lebens“ (ebd., S. 340 f.). Das sagte er 1998.

Wie kann man in einem solchen Kontext bestehen? „Wie kann man also widerstehen? Wie kann man dieser vorherrschenden Macht [...] eine Alternative entgegensetzen?“ Der Hinweis von Don Giussani ist klar: „Das einzige Mittel, um das Vordringen der Macht zu stoppen, findet sich in dem Teil des Kosmos, der das Ich ist. [...] Das einzige Mittel, das uns bleibt, ist, die christliche Bedeutung des Ichs wiederaufzugreifen. Ich sage ‚christlich‘ nicht einfach so, sondern weil es tatsächlich nur Christi Worte, Christi Haltung, Christi Auffassung vom Menschen sind. Nur sie können alle Faktoren, die wir in uns wahrnehmen, die in uns auftauchen, erklären. Deshalb kann [...] keine Macht das Ich als solches zerstören oder verhindern, dass das Ich Ich ist“ (ebd., S. 341 f.). Aus diesem Ich entsteht dann die Gesellschaft.

„Die Betonung des Wertes des Ichs“, fährt Don Giussani fort, „war nicht nur der Grund einer Vertiefung, einer Weiterentwicklung der Religiosität als eines fundamentalen Aspektes des Ichs, sondern auch der faszinierende Ursprung einer Verknüpfung mit allen Ebenen des Bewusstseins, der Ursprung, aus dem heraus man die menschliche Erfahrung verstehen konnte, wie sie in den genialsten Menschen vorkommt, in den Menschen, die mit besonderer […] Sensibilität begabt sind“ (ebd., S. 342 f.), so zum Beispiel Leopardi, der wie nur wenige begriffen hat, was das Ich ist.

Schon 1990 betonte Don Giussani: „Je härter die Zeiten sind, desto mehr zählt das Subjekt [...]. Das, was zählt, ist das Subjekt. Das Subjekt aber [...] ist das Bewusstsein eines Ereignisses, des Ereignisses Christi, das für dich durch eine Begegnung zur Geschichte geworden ist, und du hast es erkannt.“ (Un evento reale nella vita dell’uomo. 1990-1991, BUR, Mailand 2013, S. 39) Wer erkennt, worum es geht (wie der zitierte Autor des Corriere), für den ist die Frage, wie man es schaffen kann, dass neue Subjekte entstehen. Don Giussani fährt fort: „Wir müssen zusammenarbeiten und uns helfen, dass neue Subjekte entstehen, also Leute, die sich eines Ereignisses bewusst sind, das für sie zur Geschichte wird. Sonst können wir zwar Netzwerke knüpfen, aber wir bauen nichts auf, wir geben der Welt nichts Neues. Deshalb ist das, was die Bewegung wachsen lässt“, nicht das Ergebnis und Resultat unseres Tuns, sondern „die Erziehung der Person zum Glauben. [Das ist das Maß: das Wachstum des Glaubens der Person, das mit dem Wachstum ihres Selbstbewusstseins zusammenfällt.] Das Anerkennen eines Ereignisses, das zur Geschichte geworden ist. Christus ist für dich zur Geschichte geworden [...], Er ist in deinem Sein gegenwärtig“ (ebd.). Wenn Er nicht in unser Sein eintritt, bis in die letzten Falten unseres Seins vordringt, dann gehen wir das Leben ausgehend von unseren Eindrücken an, und nicht von einem Ereignis.

Die Methode: dem Ereignis folgen

Die eigentliche Frage für jeden von uns, der Bewusstseins-Sprung durch all das, was wir erleben, besteht also darin, immer besser zu begreifen, dass die Methode, die uns Don Giussani hinterlassen hat, in dem Ereignis selbst besteht, das geschieht, im „Ereignis Christi, das für dich durch eine Begegnung zur Geschichte geworden ist“ (ebd.). Nur wenn wir diesem Ereignis folgen, können wir neu geboren werden als Ich, als Subjekte, die in der Lage sind, der Welt etwas Neues zu bieten. Denn „niemand kann etwas zeugen, wenn er nicht selbst gezeugt worden ist“ (L. Giussani, „La gioia, la letizia e l’audacia. Nessuno genera, se non è generato“, in: Tracce, Nr. 6/1997, S. IV). Don Giussani hat uns immer daran erinnert, dass „unsere Gemeinschaft durch eine Methode bestimmt ist. Man kann sagen, dass die ganze ‚Genialität‘ unserer Bewegung in ihrer Methode liegt [...]. Demnach können wir unsere Erfahrung weitergeben, indem wir die Methode authentisch bewahren.“ (L. Giussani, Dalla fede il metodo [1993], vgl. Tracce, Nr. 1/2009, S. II). Der entscheidende Punkt, wenn wir vom Vorsatz zur Realisierung kommen wollen, ist also, der Methode zu folgen und ihre Authentizität zu bewahren. Das ist es, was ich bei vielen Gelegenheiten in den vergangenen Jahren betont habe, wenn ich von der ‚besonderen Geschichte‘ als Schlussstein der christlichen Haltung gesprochen habe, was auch in den Gesprächen gestern zum Ausdruck kam.

Denn was ist „die vernünftigste Haltung angesichts des christlichen Ereignisses?“ Die Nachfolge. Das sind die beiden Säulen der Methode: Ereignis und Nachfolge. Das Ereignis löst die Nachfolge aus. Diese Methode entspringt, wie Don Giussani feststellt, „dem ‚Zusammenprall‘ mit einer unvorhergesehenen und großartigen Gegenwart, die der Verstand als im wahrsten Sinne des Wortes ‚übermenschlich‘ erkennt.“ Die Nachfolge hat „ihren Ursprung im Glauben, der das Anerkennen einer außergewöhnlichen Gegenwart im eigenen Leben ist, die mit meiner Bestimmung zu tun hat“, und die uns beständig anzieht und fasziniert. „Der Glaube durchdringt nach und nach alle Bereiche des Lebens [vom Alltäglichen bis zu den Wahlen, auch die Bedürfnisse und die Krankheiten], eben durch die Beziehung mit einer Gegenwart, die dem Herzen entspricht.“ Und die Überprüfung, ob der Glaube in der Lage ist, das Leben zu verändern, geschieht in der Wirklichkeit, durch die Art und Weise, wie wir – tagtäglich, in jedem Augenblick – die Umstände angehen, ob nun etwas Unvorhergesehenes passiert, etwas schief geht, oder alles perfekt läuft und es trotzdem nicht reicht. Denn „außerhalb der Begegnung mit einer außergewöhnlichen Gegenwart kann man der tragischen Feststellung nicht entfliehen: ‚Es gibt nichts Neues unter der Sonne‘.“ Nur in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit merken wir, ob unser Ausgangspunkt schon vom Morgen an das Ereignis ist oder etwas anderes.

Der wahre Kampf besteht genau darin, ob wir einem Ereignis folgen oder unserer eigenen Analyse. Nun wird auch der folgende Satz von Don Giussani klarer, den wir seit Jahren wiederholen: „Die heutige Kultur hält es für unmöglich, dass man etwas erkennt, sich selbst verändert oder die Wirklichkeit, indem man ‚einfach nur‘ einer Person folgt.“ Denn „die Person wird heutzutage nicht als Mittel der Erkenntnis und der Veränderung betrachtet, weil diese beiden Begriffe verkürzt verstanden werden. Der erste als analytische und theoretische Reflexion, der zweite als reine Praxis und das Anwenden von Regeln.“ Wovon erwarten wir uns heute Erkenntnis und Veränderung? Von einer genialen Analyse. Deshalb brauchen wir immer Experten. Deshalb werden wir auch die Alternative, die uns Don Giussani gezeigt hat, mit ins Grab nehmen: „Im Gegensatz dazu haben Johannes und Andreas, die ersten beiden, die auf Jesus stießen, gelernt zu erkennen und sich und die Wirklichkeit zu verändern, indem sie genau jener außergewöhnlichen Person folgten. Von diesem ersten Augenblick der Begegnung an hat die Methode ihren Lauf durch die Zeit angetreten.“

Ihr seht, dass es etwas radikal Anderes ist. Das ist die Entscheidung, die wir in der heutigen Kultur bei jeder Gelegenheit treffen müssen. Auch für uns, die wir zu dieser Kultur gehören, ist es eine Versuchung, zu analysieren und uns vom Ereignis zu lösen, wenn wir erkennen und uns oder die Wirklichkeit verändern wollen. Es ist so, als würde ein Kind bei einem Verkehrsunfall nicht mehr auf seinen Vater schauen, der den Unfall beobachtet (wie ich schon am Freitagabend gesagt habe). Es könnte dieses Ereignis nicht ohne Angst sehen, die Furcht nähme Überhand. Gestern hat mir eine von euch erzählt, dass ihr Sohn nicht in das Zimmer seines verstorbenen Freundes gehen konnte, solange die Mutter nicht dabei war. Aber betrifft das nur die Kinder? Leider meinen wir, eine solche Haltung sei naiv, und sagen wie Kant: Kinder brauchen die Beziehung mit einer Gegenwart, aber wir, die wir schon älter sind, wir können auch ohne sie leben.

Eine ständige Versuchung

Worin besteht also die Versuchung? „Dass man sich von der Nachfolge ‚frei macht‘, aufgrund der Anmaßung [schaut mal!], dass man schon weiß, was von einem gefordert ist in der Nachfolge. So wird man voreingenommen, lehnt jede Zurechtweisung ab, wartet nicht mehr gespannt auf die Erfüllung.“ Deshalb, so fährt Don Giussani fort, „ist der große Fehler, die Methode aufzugeben und zu meinen, man könne sie durch seine eigenen Fähigkeiten ersetzen“ (ebd., S. VII), wie Kant dachte. Das ist eine ständige Versuchung. Jesus selbst brandmarkt sie: „Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen [ihr habt euch seiner bemächtigt]. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert.“ (Lk 11,52) Dieser Schlüssel zur Erkenntnis ist nichts anderes als das Staunen, wie bei Johannes und Andreas: „Johannes und Andreas hingegen haben, indem sie jener außergewöhnlichen Person folgten, gelernt, anders zu sehen und sich und die Wirklichkeit zu verändern.“ Der Papst kommentiert den Satz Jesu folgendermaßen: Sie „haben den Schlüssel für das Verständnis verloren, weil sie den Sinn für die Nähe Gottes verloren haben“ (Franziskus, Tagesmeditation bei der Frühmesse im „Domus Sanctae Marthae“, 19. Oktober 2017).

Das ist die Konsequenz, wenn man der Methode des Anfangs nicht treu bleibt (der Methode, die zum Ereignis selbst gehört – Ereignis und Nachfolge), wenn man sich von ihr entfernt, weil man meint, schon Bescheid zu wissen. Das ist eine ständige Versuchung für uns alle, wie sie es schon für Petrus war. Er sagt zu Jesus das Großartigste, was je ein Mensch hat sagen können: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“, sodass dieser ihm antwortet: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16,16-17). Doch kurz darauf erliegt er der Versuchung und beweist so, wie wenig er das verstanden hat, was er selbst gerade zu Jesus gesagt hatte. (Das passiert auch uns häufig, nachdem wir bestimmte Sätze von Giussani wiederholt haben.) Jesus erklärt seinen Jüngern, er „müsse nach Jerusalem gehen […] und vieles erleiden […] [und] werde getötet werden“. Doch Petrus entgegnet: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ Weil er glaubt, schon Bescheid zu wissen, widerspricht Petrus. Nur wenige Augenblicke, nachdem er Jesus als Sohn Gottes anerkannt hat, macht er Ihm Vorwürfe. Und Jesus antwortet ihm: Geh weg von mir, denn du denkst wie die Menschen und nicht wie Gott (vgl. Mt 16,21-23). Zum Glück ist Jesus immer da, um uns an der Hand zu nehmen und wieder in die Spur zu setzten. Denn wir fliegen schon bei der ersten Kurve heraus. Und was ist die Bedingung dafür, dass Er uns wieder in die Spur setzen kann? Dass Er gegenwärtig bleibt als eine Gegenwart, die wir anerkennen. „Denkt an Johannes und Andreas: Die gegenwärtigste Gegenwart ihres gesamten Lebens ist die Gegenwart jenes Tages gewesen. Es gibt nichts, was [jenem Tag] gleich käme, außer dem Sich-Erneuern jenes Tages an jedem Tag ihres Lebens“ (L. Giussani, Si può (veramente?!) vivere così?, BUR, Mailand 2011, S. 363).

Das ist das Staunen, das auch uns ergreift: das Sich-Erneuern jenes Tages an allen Tagen unseres Lebens, sodass alles, was wir erleben, alles, was wir angehen, jeder Umstand zu einer Gelegenheit wird, Ihn am Werk zu sehen. Wenn das Ereignis Christi, das Ereignis der Begegnung mit Ihm nur in der Vergangenheit verbliebe, könnte es die Gegenwart nicht prägen; wir wären nur von unseren Eindrücken bestimmt. Deshalb bestimmt das Sich-Erneuern jenes Tages an allen Tagen die Haltung, die wir einnehmen müssen, nämlich die gleiche wie am ersten Tag. „Die moralische Haltung auf dem Weg des Glaubens ist der Gehorsam“, „dass man einer außergewöhnlichen Gegenwart folgt, die man getroffen hat“, jenem Staunen nachgeht. „Der Gehorsam ist […] die Tugend des Folgens“ (Dalla fede il metodo, a.a.O., S. VIII).

Der Test: „Wer mir nachfolgt, wird das Hundertfache erhalten“

Und was bedeutet Folgen? Etwas, das sich jeder selbst ausdenken muss? Darüber hat uns Don Giussani nie im Unklaren gelassen. Was bedeutet es, dem nachzugehen, was uns geschehen ist, der Form der Lehre, der wir anvertraut sind? „Man muss die Bekehrung leben [wie ich beim Eröffnungstag gesagt habe], nicht zu mir, sondern zu dem, was mir gesagt worden ist“ („Avvenimento e responsabilità“, in: Tracce, Nr. 4/1998, S. VIII). Das heißt, wir müssen dem folgen, was uns der Herr immer wieder schenkt durch das, was Er vor unseren Augen geschehen lässt, wie wir in den letzten Monaten gesehen haben. Wer so gefolgt ist und folgt, stellt fest, dass seine Herangehensweise an das Leben von einer Gegenwart geprägt ist, die ihm immer vertrauter wird und deren Wahrheit jeder überprüfen kann. Jesus hat uns nicht nur gesagt: „Folgt mir nach“. Er hat dieser Aufforderung noch das Kriterium hinzugefügt, anhand dessen jeder erkennen kann, ob dieses Nachfolgen vernünftig ist. Wann ist es vernünftig? Wenn es das Hundertfache beschert: „Wer mir nachgefolgt ist, wird dafür das Hundertfache erhalten“ (vgl. Mt 19,28-29). Nicht das Hundertfache, das du dir erwartest, denn das Hundertfache, das Jesus uns versprochen hat, ist viel mehr als alles, was du dir vorstellen kannst, es ist ohne Maß. Wenn es das Hundertfache wäre, wie du es dir vorstellst, wäre es immer noch zu wenig für die Seele.

Willst du herausfinden, ob du nachfolgst? Den Test hat Jesus selbst uns gegeben: Schau zu, ob du, wenn du Ihm nachfolgst, das Hundertfache erlebst, also ob du zufriedener bist, ob du freier bist, ob du dich weniger beklagst, ob es dir gelingt, alle Umstände anzugehen, egal ob sie angenehm sind oder schlimm. Prüfen wir also, ob wir nicht, wenn wir Christus nachfolgen, das Leben verpassen. Denn mit all dem, was wir schon zu wissen glauben, kann man leicht das Leben verpassen. Das ist der Test, da kann man keinen Fehler machen: ob man enthusiastischer lebt, sich für alles interessiert, was geschieht. Da kann man nicht schummeln. Versucht einmal, euch selber vorzugaukeln, dass ihr das Hundertfache erlebt! Das ist unmöglich! Man kann nicht schummeln!

Angesichts der existentiellen Leere können wir nur einen Beitrag leisten, wenn wir etwas vorzuschlagen haben, das eine Antwort ist auf diese Leere. Dabei müssen wir aber von dem ausgehen, was wir erleben, und nicht von einer abstrakten Überlegung. Durch das, was wir erleben, und durch den Weg, den wir gehen (der in den letzten beiden Tagen deutlich geworden ist und auf den ich mit dem, was ich bisher gesagt habe, hingewiesen habe), wird deutlich, was unsere Aufgabe ist. Sonst wären wir zu nichts nutze für alle anderen, und insbesondere für uns selbst. Denn die Zeit würde uns nicht helfen herauszufinden, wozu wir auf Erden sind.

Was also haben wir zu bieten angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen – wir und die Gesellschaft? Immer mehr Menschen erwarten von uns ein Licht, dass ihren Weg erleuchtet. „Die Christen mögen aus ihren Verstecken herauskommen“, hat die Journalistin Pilar Rahola in einer spanischen Zeitung ausgerufen. „Vielleicht glauben wir nicht alle, was sie glauben, aber ihr Glaube macht uns alle besser.“ (P. Rahola, „Belleza desarmada“, in: La Vanguardia, 21. Mai 2017) „Wir brauchen euch“, sagen uns viele auf die ein oder andere Weise. „Wir brauchen nicht das, was ihr im Kopf habt, wir brauchen euch.“ Viele interessieren sich dafür, was uns von allen anderen unterscheidet, ein Unterschied, der der Erfahrung des Charismas entspringt, das uns geschenkt worden ist und das auch andere erreicht, durch die Umstände, durch eine Begegnung.

Wir werden anhand dessen, wie wir uns in der nächsten Zeit bewegen, überprüfen können, ob wir uns der Aufgabe, die wir haben, stärker bewusst werden. Jeder wird daran, ob er sich die Hände schmutzig macht, wie er Probleme angeht, ob er sich für die Bedürfnisse anderer interessiert, wie er auf Herausforderungen reagiert, sehen können, ob ihm die Aufgabe klarer und bewusster geworden ist. Helfen wir uns durch gegenseitige Zeugnisse, damit der Weg immer deutlicher wird. Ich denke vor allen Dingen an die jungen Leute, die der Papst durch die unmittelbar bevorstehende Synode in den Mittelpunkt rückt: Sind wir in der Lage, ihnen etwas weiterzugeben, das eine Antwort auf ihre Fragen ist und ihrer Unruhe standhält? Schaffen wir es, auf die Bedürfnisse zu antworten, die wir bei den Wahlen haben auftauchen sehen? Nicht auf die etwas unbeholfen formulierten, vermeintlichen Bedürfnis, sondern auf das, was dahinter steckt? Und noch grundlegender: Schaffen wir es, die wahre Natur dieser Bedürfnisse zu erfassen? Schon daran erkennt man, ob wir von der spezifischen Geschichte ausgegangen sind, deren Wahrheit sich darin zeigt, dass eine Generation von Subjekten erwächst, die klar erkennen, was der Mensch braucht. Nur wer selbst einen Weg zurückgelegt hat, um zu erkennen, was er wirklich braucht, und dem begegnet ist, was seinen Bedürfnissen entspricht, der kann auch die Bedürfnisse der anderen begreifen und durch sein Leben diese Gegenwart vermitteln, die unsere Menschlichkeit umarmt und verändert, die „das Unmögliche möglich macht“.

Schließen wir mit der Aussage von Don Giussani, die wir für das Osterplakat ausgewählt haben, weil sie den Ausganspunkt von allem beschreibt: „Seit dem Tag, an dem Petrus und Johannes zum leeren Grab eilten und Christus als den Auferstandenen lebendig mitten unter sich sahen, kann alles sich verändern. Seitdem kann der Mensch sich ändern, leben, wieder aufleben. Die Gegenwart Jesu ist wie der Lebenssaft, der von innen heraus, geheimnisvoll, aber doch gewiss unsere Verhärtungen aufbricht und das Unmögliche möglich macht. Was für uns unmöglich ist, das kann Gott bewirken. So zeigt sich jedem, der ein offenes Auge und ein aufrichtiges Herz hat, der erste Strahl einer neuen Menschlichkeit in der Gemeinschaft derer, die die Gegenwart Christi anerkennen, den Gott-mit-uns. Dieser erste Funke einer neuen Menschlichkeit ist wie das Grün, das aus der verkrusteten und vertrockneten Natur hervorbricht.“

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