Ein Ort, wo man wahrhaftig ‚Ich’ sagen kann - Luigi Giussani

Ein Ort, wo man wahrhaftig ‚Ich’ sagen kann

Luigi Giussani

13.09.1992 - Luigi Giussani bei einer Begegnung mit Schülern von CL m Rimini

Ich möchte euch einige von den faszinierendsten und überzeugendsten Aspekten meines Le-bensweges mitteilen. Erlaubt mir vor allem, an den Augenblick zu erinnern, in dem ich zum er-sten Mal verstanden habe, was es mit der Existenz Gottes auf sich hat.
Ich war im Seminar in der ersten Klasse des Lyceums und wir hatten Gesangsunterricht. In der Regel erklärte der Professor während der ersten Viertelstunde Musikgeschichte und ließ uns dazu auch Schallplatten hören. Auch an jenem Tag wurde es wieder still, die Scheibe begann sich mit 78 Umdrehungen zu drehen und plötzlich hörten wir den Gesang des damals sehr be-rühmten Tenors Tito Schipa. Mit einer kräftigen,;, schwingungsvollen Stimme begann’ er eine Arie aus dem vierten Akt der Oper La Favorita von Donizetti zu singen:
„Du freundlicher Geist meiner Träume, an einem Tage leuchtetest Du, dann aber verlorst du dich. Es floh vom Herzen die weite Hoffnung, ihr Larven der Liebe fliehet dahin.“
Von der ersten Note an überfiel mich ein Schauer.
Was dieser Schauer bedeutete, verstand ich erst im Laufe der Jahre. Denn in der Tat läßt allein die Zeit verstehen, was ein Same ist und in sich trägt (wie ja das schöne gleichnamige Lied Il seme zum Ausdruck bringt). Man kann verstehen, was ein Same ist, wenn man seine Entwick-lung schon gesehen hat. Wenn man aber den Samen zum ersten Mal sieht, kann man nicht ver-stehen, was er enthält. So war für mich jener erste Augenblick des Schauers, in dem ich jene letzte Sehnsucht wahrnahm, die das Herz des Menschen definiert, wenn es nicht zerstreut wird durch Eitelkeiten, die sich doch in wenigen Augenblicken wieder auflösen.
Es ist die Sehnsucht des Herzens, die dauert während man tanzt und während man danach nach Hause geht.
Diese Einsicht verdanke ich einer anderen Erfahrung, die ich lange Zeit danach machte. Wäh-rend der ersten Jahre meiner Lehrtätigkeit an der Universität bin ich der Einladung einer Grup-pe von Studenten zu einem Sylvester-Essen gefolgt. Nach dem Essen fingen die Studenten an, zu tanzen. Ich schaute ihnen von meinem Platz aus zu. Plötzlich stand ich auf und sagte: Bleibt mal stehn!’ Etwas verwundert blieben sie stehn und ich sagte zu ihnen: ,Es gibt einen Unter-schied zwischen euch und mir: Ihr tragt in diesem schönen Spiel, in dieser gefälligen Bewe-gung, in dieser affektiven Beziehung eine letzte, schreckliche Zerstreuung in euch, und ihr be-merkt den Samen nicht, der darin steckt, einen Samen der Traurigkeit. Wenn das Fest zu Ende ist, und ihr nach Hause geht, sagt ihr: ,Ciao! Bis morgen!’ Ihr geht auf euer Zimmer und legt euch ins Bett. Und dann wird dieser Same diejenigen unter euch bedrängen, die ein Minimum an menschlicher Empfindsamkeit bewahrt haben. Er wird sie stechen, wie wenn man beim Hinlegen einen Stein unter der Schulter spürt. Dieser Samen, den ihr nicht bemerkt, der am Ursprung eurer Freude am Tanze und am Ursprung der Traurigkeit steht, die in euch aufkom-men wird - kaum spürbar und dann vom Schlafe verbrannt - dieser Samen ist ein Samen der Melancholie: die charakteristische Melancholie für etwas, das noch nicht erfüllt ist, für etwas, das noch fehlt. In jener ersten Klasse des Lyzeums hatte ich im Lied von Tito Schipa genau jenen Schauder von etwas Fehlendem verspürt. Aber nicht etwas, das dem wunderschönen Lied der Romanze von Donizetti fehlte, sondern was meinem eigenen Leben fehlte. Etwas, das fehlte und das nirgendwo Befriedigung, Unterstützung, Erfüllung und Antwort fand.

Fluchtpunkt
Das also war in jenem unbewußten Schauder, den ich erlebt hatte, kaum merklich angeklungen und enthalten gewesen. Als aber dann im folgenden Schuljahr mein ausgezeichneter Philo-sophielehrer mit uns Leopardi las, erfuhr ich unerwarteterweise eine Bestätigung, ja darüber hinaus eine Ausweitung jenes Eindrucks, den ich während des Gesangs der La Favorita von Donizetti hatte. Ich erinnere mich noch heute an die Lektüre des Gedichts ,Ad Aspasia’, in dem der Dichter sich an eine der vielen Frauen wendet, in die er sich verliebt hatte und sagt (ich zitiere frei): „Nicht dein Gesicht ist es, wonach mich verlangt, sondern etwas, das in ihm liegt. Nicht dein Körper ist es, wonach ich mich sehne, sondern etwas, wofür dein Körper Zei-chen ist, etwas, das hinter dir steht. Und ich weiß nicht, wie ich es erreichen soll.“ Es ist - und dieser Gedanke war mir völlig klar - als ob wir das, was wir mit gieriger Hand ergreifen, nicht festhalten könnten, weil uns die Grenzen dessen, was wir ergreifen, entgleiten. Es gibt - so würde ich heute sagen - eine Art Fluchtpunkt, etwas, das den Gegenstand, den wir ergreifen, bei weitem übersteigt, so daß wir ihn nie genügend festhalten können. Deswegen bleibt immer eine unerträgliche Ungerechtigkeit, die wir vor uns selbst zu verstecken suchen, indem wir uns zerstreuen. Sich den eigenen Instinkten hingeben, ist die tückischste Art, sich dieser Öffnung zu verschließen, die alles von uns verlangt, zu der alles uns drängt.

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