Das größte Opfer ist die Hingabe des eigenen Lebens für das Werk eines Anderen - Luigi Giussani

Das größte Opfer ist die Hingabe des eigenen Lebens für das Werk eines Anderen

Luigi Giussani Litterae

01.02.1992

Das eigene Leben für das Werk eines Anderen hingeben, bedeutet immer einen Zusammenhang zwischen dem Wort 'Anderen' und etwas Geschichtlichem, Konkretem, Greifbarem, Sinnenhaftem, Beschreibbarem, Photographierbarem, mit einem Vor- und einem Nachnamen

1. In einem Hymnus der Laudes heißt es: "Möge sich ein neuer Gast zu unserer einträchtigen Versammlung gesellen". 'Einträchtig'! Nur die Einheit eines Volkes kann wahres Subjekt, Protagonist in der Geschichte sein. Das Wort 'Eintracht' hat eine metaphysische, ontologische Bedeutung und eine ethisch-moralische. Bei der täglichen Erneuerung unseres Einsatzes und unseres Gedächtnisses müssen wir diese beiden Aspekte berücksichtigen und vertiefen. Bedenkt, dass das Wort Gedächtnis auf etwas Gegenwärtiges verweist, auf das Bewusstsein von etwas Gegenwärtigem, das in der Vergangenheit angefangen hat. Das Gedächtnis umspannt die ganze Geschichte. Und das Benedictus spannt den Bogen dieser Geschichte.
"Möge sich ein neuer Gast dazugesellen". Der metaphysische und ontologische Wert unserer Eintracht gründet darin, wie tief unsere Einheit von der großen Gegenwart Christi durchdrungen ist, die das Einzige ist, was wir kennen. Wir sind so begnadet, dass es uns in unserer Einfältigkeit gelingt, den Widerspruch unserer Zerstreutheit und unserer Sünde zu überwinden und Tag für Tag die große Gegenwart Christi wahrzunehmen. Wir sind so sehr begnadet, dass wer auch immer wir sind und wie auch immer wir sind, wir aufrichtig und einfältig wiederholen können, dass wir nichts anderes kennen als Christus. In der Tat kennt unsere Eintracht nichts anderes als Christus.
Diesem ontologischen Wert der Weggemeinschaft entspringt der moralische Wert: Er ist Frucht der Freiheit. Unsere Eintracht ist Frucht der Freiheit: Frucht Seiner Gegenwart, die der Ursprung ist, aber auch Frucht unserer Freiheit, die anerkennt und zustimmt. Aus dieser kurzen Überlegung folgt eine Formulierung, die am eindringlichsten und deutlichsten zusammenfasst, was Moral in der Praxis unseres Lebens bedeutet: "Das größte Opfer ist die Hingabe des eigenen Lebens für das Werk eines Anderen". Dieser Satz ist analog zu der Aussage Christi: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). Aber dieser Satz (wie auch das ganze Johannes-Evangelium) weist auf noch tiefere Weise auf die ureigene Erfahrung Christi hin, der sein Leben für das Werk des Vaters hingibt.
Sein Leben für das Werk eines Anderen hingeben, bedeutet für uns, um nicht abstrakt zu bleiben, dass alles, was wir tun, unser ganzes Leben, für die Bewegung da ist. Wenn wir davon sprechen, dass alles, was wir tun, dem Wachstum des Charismas zu dienen hat, an dem wir teilhaben dürfen, dann sprechen wir von etwas, das einen präzisen geschichtlichen Bezugspunkt hat, wir sprechen von etwas, das eine eigene Chronologie besitzt, eine eigene Gestalt, die man genau beschreiben, die man sogar photographieren kann; wir sprechen von etwas, das auf bestimmte Vor- und Nachnamen verweist, ja am Anfang sogar auf einen bestimmten Vor- und Nachnamen. Wenn die Hingabe des eigenen Lebens für das Werk eines Anderen nicht auf Namen und Nachnamen verweist, würde dieses Werk seine Geschichtlichkeit verlieren, würde es in seiner Konkretheit gemindert, so dass man schließlich sein Leben nicht mehr für das Werk eines Anderen hingeben würde, sondern für die eigenen Interpretationen, die eigenen Vorlieben, die eigenen Pläne oder Meinungen.
Sein Leben für das Werk eines Anderen hingeben: Dieses 'andere' ist geschichtlich, als Phänomen, als Gestalt, als eine bestimmte Person. Was zum Beispiel die Bewegung betrifft, bin ich es. Aber noch während ich das sage, verschwindet mein ganzes Ich (weil der 'Andere', Christus in Seiner Kirche ist). Was bleibt, ist ein geschichtlicher Bezugspunkt, ein Strom von Worten und ein Meer von Werken, das aus dem ersten Augenblick am Gymnasium Berchet hervorgegangen ist. Wer dies aus den Augen verliert, verliert das zeitliche Fundament der Eintracht, der Nützlichkeit unseres Tuns. Es ist, als ob einer Risse ins Fundament ziehen würde.

2. Kaum ausgesprochen löst sich das Wort 'Ich' schon wieder auf, verliert sich in der Ferne. Denn der geschichtlich-beschreibbare, photographierbare, genau mit Vor- und Nachnamen bezeichenbare Faktor ist dazu bestimmt, von der Szene zu verschwinden, auf der eine Geschichte beginnt. Jeder hat die Verantwortung des Charismas; jeder ist Ursache für ein Verfallen oder für ein Wachstum des Charismas in seiner Wirksamkeit. Jeder ist entweder ein Erdreich, auf dem das Charisma vergeudet wird, oder ein Erdreich, auf dem es Frucht bringt. Daher ist dies ein Augenblick, in dem das Bewusstwerden der eigenen Verantwortung eine Frage von größtem Gewicht ist, als Dringlichkeit, als Aufrichtigkeit und als Treue. Es ist die Zeit der Verantwortung für das Charisma, die jeder zu übernehmen hat.
Wer diese Bemerkungen verdunkelt oder abschwächt, verdunkelt und schwächt einen tiefen Einfluss, den die Geschichte unseres Charismas auf die Kirche Gottes und die Gesellschaft ausübt. Dieser Einfluss ist sehr groß und ist dazu bestimmt, noch größer zu werden.
Das Wesen unseres Charismas lässt sich an zwei Dingen festmachen:
- Vor allem an der Verkündigung, dass Gott Mensch geworden ist (das heißt das Staunen und die Begeisterung darüber);
- Dass dieser Mensch gegenwärtig ist in einem 'Zeichen' der Eintracht, der Communio, der Einheit einer Weggemeinschaft, in der Einheit eines Volkes.
Wir könnten noch einen dritten grundlegenden Faktor hinzufügen, um unser Charisma endgültig zu beschreiben: Nur im Mensch gewordenen Gott, also nur in Seiner Gegenwart und folglich nur - in gewisser Weise - durch die Gestalt, die Seine Gegenwart annimmt, kann der Mensch Mensch sein und die Menschheit menschlich - daher also: Moralität und Mission.

3. Jeder von euch versetzt sich auf seine ganz persönliche Art in das Charisma, für jeden von euch gibt es eine persönliche Version des Charismas, zu dem er berufen ist und dem er angehört. Je mehr jemand Verantwortung für das Charisma übernimmt, umso mehr bedient es sich unausweichlich seines Temperaments, durch jene absolut einzigartige Berufung, die seine Person ist. Die Person eines jeden besitzt ihre Konkretheit, die Konkretheit ihrer Mentalität, ihres Temperaments, der Umstände, in denen sie lebt und insbesondere ihrer Freiheit, von der sie sich bewegen lässt.
Deswegen kann jeder von euch mit dem Charisma und seiner Geschichte letztlich machen, was er will: Er kann es reduzieren, er kann es eines Teiles berauben, er kann gewisse Aspekte zu Ungunsten anderer besonders betonen (und sie damit monströs werden lassen), er kann es dem eigenen Vergnügen oder dem eigenen Vorteil unterordnen, es aus Nachlässigkeit, Eigensinn oder Oberflächlichkeit aufgeben, er kann es preisgeben um eines einzelnen Aspektes willen, bei dem er sich wohler fühlt und weniger Mühe hat. Da das Charisma sich mit der Verantwortung eines jeden identifiziert, nimmt es eine verschiedenartige und mehr oder weniger getreue Ausprägung an entsprechend dem Maße der Großherzigkeit eines jeden. Die Nähe bemisst sich nach der Großherzigkeit, in der die Fähigkeiten, das Temperament, die Neigungen usw. gründen. Das Charisma wird entsprechend der Großherzigkeit eines jeden geformt. Und dies ist das Gesetz der Großherzigkeit: Dass einer sein ganzes Leben für das Werk eines Anderen hingibt. Mit diesem dritten Punkt drängt sich die entscheidende Frage auf: Jeder muss sich in jeder seiner Handlungen, an jedem seiner Tage, in jeder seiner Vorstellungen, in jeder seiner Absichten, in all seinem Tun darum sorgen, die Kriterien seines Handelns mit dem Bild des Charismas zu vergleichen, wie es sich zu Beginn der gemeinsamen Geschichte gezeigt hat. Der Vergleich mit dem Charisma, so wie es uns gegeben wurde, wird dazu führen, die Besonderheiten der einzelnen Versionen und der Arten der Weitergabe zu korrigieren. Der Vergleich ist eine beständige Korrektur und eine beständige Ermutigung.
Der Vergleich mit dem Charisma ist deswegen die größte Sorge, die jeden methodologisch, praktisch, moralisch und pädagogisch bewegen muss. Sonst wird das Charisma Vorwand und Ausgangspunkt für jede Beliebigkeit und dient dazu, das zu verdecken, was unser eigenes Wollen ist. Aber so werden wir zu Betrügern, denn wir sagen zwar, dass wir Comunione e Liberazione leben, aber in Wirklichkeit machen wir aus Comunione e Liberazione das, was wir wollen. Im Sprachgebrauch des heiligen Johannes ist Lüge ein Synonym für Sünde, sie ist also Verrat.
Um diese Versuchung, die jeden von uns betrifft, einzudämmen, muss der Vergleich mit dem Charisma als Korrektur und als ständig neues Aufbrechen des Ideals zu einem normalen Verhalten werden. Dieser Vergleich muss zur Gewohnheit werden, zum Habitus, zur Tugend. Dies ist unsere Tugend: der Vergleich mit dem Charisma in seiner Ursprünglichkeit.

4. An dieser Stelle kehrt das Vergängliche wieder, denn Gott bedient sich des Vergänglichen. Hier kommt die Wichtigkeit des Vergänglichen wieder zum Vorschein: bis jetzt der Vergleich mit der bestimmten Person, mit der alles begonnen hat. Ich kann mich auflösen, aber die hinterlassenen Texte und die - so Gott will - ununterbrochene Folge von Personen, die als Bezugspunkt bestimmt sind, als wahre Interpretation dessen, was in mir geschehen ist, werden zum Instrument für die Korrektur und die immer neue Erweckung, sie werden zum Instrument dieser Moral. Die Linie der benannten Bezugspunkte ist das Lebendigste der Gegenwart, denn ein Text kann interpretiert werden. Es ist schwer, ihn schlecht zu interpretieren, aber er kann interpretiert werden.
Das eigene Leben für das Werk eines Anderen hingeben, bedeutet immer einen Zusammenhang zwischen dem Wort 'Anderen' und etwas Geschichtlichem, Konkretem, Greifbarem, Sinnenhaftem, Beschreibbarem, Photographierbarem, mit einem Vor- und einem Nachnamen. Ohne dies setzt sich unser Stolz durch, der nun wirklich vergänglich ist, aber vergänglich im schlimmsten Sinne des Wortes. Wer vom Charisma ohne Geschichtlichkeit spricht, spricht nicht von einem katholischen Charisma.

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