In der Einfachheit meines Herzens habe ich dir voll Freude alles gegeben - Luigi Giussani

In der Einfachheit meines Herzens habe ich dir voll Freude alles gegeben

Luigi Giussani

01.05.1998 - Zeugnis von Don Giussani beim Treffen der Kirchlichen Bewegungen und der Neuen Gemeinschaften mit Papst Johannes Paul II

Ich möchte erzählen, wie in mir eine Haltung entstand, die Gott nach seinem Gefallen gesegnet hat, wie ich es weder vorhersehen konnte noch beabsichtigt habe.
l. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Keine andere Frage hat mich in meinem Leben so ergriffen wie diese. Es gab nur einen Menschen auf der Welt, der mir eine Antwort geben konnte, und zwar indem er mir eine neue Frage stellte: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt? Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen?“ Bei keiner anderen Frage stockte mir der Atem, wie bei dieser Frage Christi! Keine Mutter hat jemals eine zärtlichere Aussage über ihr Kind gehört, einen Zuspruch, der von so tiefer Wertschätzung und umfassender Bejahung der Bestimmung durchdrungen ist, wie bei dem Juden Jesus von Nazareth. Mehr noch, bei niemandem konnte sich der Mensch so bejaht fühlen mit der Würde eines absoluten Wertes, unabhängig von allem Gelingen, wie bei ihm. Niemand auf der Welt hat jemals so sprechen können wie er!
Nur Christus nimmt sich mein ganzes Menschsein zu Herzen. Das ist der Grund für das Staunen des Dionysius Areopagita: „Wer könnte uns je von der friedensstiftenden Liebe Christi zum Menschen sprechen?“ Ich wiederhole mir diese Worte seit mehr als fünfzig Jahren immer wieder! Deshalb ist die Enzyklika Redemptor Hominis wie ein Licht am Horizont in der Dunkelheit aufgetaucht, die die verfinsterte Welt des heutigen Menschen, mit all seinem verwirrten Fragen, umhüllte. Danke, Heiliger Vater.
Es war eine Einfachheit des Herzens, die es mir ermöglichte, Christus als außergewöhnlich wahrzunehmen und anzuerkennen. Ich tat es mit jener unmittelbaren Gewissheit, die sich nur einstellt, wenn eine unangreifbare und unzerstörbare Evidenz von Faktoren und Momenten der Wirklichkeit in den Horizont unserer Person eintritt und uns bis ins Herz ergreift. Wenn wir also die Bedeutung Christi für unser Leben anerkennen, dann durchdringt das unser ganzes Bewusstsein vom Leben: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ . „Domine Deus, in simplicitate cordis mei laetus obtuli universa“ („Herr mein Gott, in der Einfachheit meines Herzens habe ich Dir voll Freude alles gegeben“), heißt es in einem Gebet der ambrosianischen Liturgie. Ob wir ihn wahrhaft anerkennen, erweist sich, wenn unser Leben eine letzte, beständige Fähigkeit zur laetitia, zur friedvollen Freude gewinnt.
2. Diese laetitia erfüllt in bestimmten Augenblicken mein Herz und meine Stimme. Durch sie wird Christus im Menschen verherrlicht. Wie kann sie aber für den heutigen Menschen sichtbar werden, wie kann sie sich als vernünftig erweisen? Das ist nur möglich, weil dieser Mensch, der Jude Jesus von Nazareth, für uns gestorben und auferstanden ist. Dieser auferstandene Mensch ist die Wirklichkeit, von der die ganze Positivität der Existenz eines jeden Menschen abhängt.
Jede irdische Erfahrung, die im Geiste Jesu, des vom Tode Auferstandenen, gelebt wird, blüht im Ewigen auf. Dieses Aufblühen fängt aber nicht erst am Ende der Zeiten an. Es hat schon in der Morgendämmerung des Ostertages begonnen. Ostern ist der Beginn des Weges zur ewigen Wahrheit von allem. Dieser Weg durchzieht bereits die ganze Geschichte des Menschen. Christus, das fleischgewordene Wort Gottes, wird – als Auferstandener – zu jeder Zeit, durch die gesamte Geschichte hindurch gegenwärtig, bis er vom Ostermorgen zum Ende der Zeiten, zum Ende der Welt gelangen wird. Der Geist Jesu, das heißt des fleischgewordenen Wortes, erlöst in seiner Kraft, das ganze Dasein des Einzelnen und der ganzen Menschheit. Für den normalen Menschen wird er in der radikalen Veränderung erfahrbar, die er in dem hervorbringt, der auf ihn trifft und ihm, wie Johannes und Andreas, nachfolgt.
So ist für mich die Gnade Jesu in dem Maße zur Erfahrung des Glaubens geworden, wie ich der Begegnung mit ihm anhängen konnte und ihn meinen Geschwistern in der Kirche Gottes mitteilen konnte. Es ist ein Glaube, der sich in der Heiligen Kirche, also im christlichen Volk, als Aufruf und Wille erwiesen hat, ein neues Israel Gottes zu nähren: „Populum Tuum vidi, cum ingenti gaudio, Tibi offerre donaria“ („Ich habe mit Freuden gesehen, wie Dein Volk dir willig spendet“), fährt das Gebet der ambrosianischen Liturgie fort. So konnte ich sehen, wie sich ein Volk im Namen Christi bildete. Alles in mir wurde wahrhaft religiöser, bis hin zum Bewusstsein, das immer mehr entdecken wollte, dass „Gott alles in allem“ ist . In diesem Volk ist die laetitia zum ingens gaudium, zur übergroßen Freude, geworden, das heißt zum entscheidenden Faktor seiner Geschichte – als letzte Positivität und damit als Freude. Was höchstens als besondere Erfahrung eines einzelnen hätte erscheinen können, wurde zu einer gestaltenden Kraft in der Geschichte, und damit zum Werkzeug der Mission des einen Volkes Gottes. Dies begründet das Streben nach Einheit, die unter uns zum Ausdruck kommt.
3. Der kostbare Text der ambrosianischen Liturgie schließt mit folgenden Worten: „Domine Deus, custodi hanc voluntatem cordis eorum“(„Herr mein Gott, erhalte diese Gesinnung für immer in ihrem Herzen“). Die Untreue erhebt sich immer wieder in unserem Herzen, selbst angesichts der schönsten und wahrsten Dinge, jene Untreue, in der wir auch angesichts der Menschlichkeit Gottes und der ursprünglichen Einfachheit des Menschen aus Schwachheit und weltlichem Vorurteil heraus möglicherweise nicht standhalten, wie Judas und Petrus. Und doch drängt uns die persönliche Erfahrung der Untreue, die immer wieder entsteht und die Unvollkommenheit jedes menschlichen Handelns enthüllt, zum unablässigen Gedächtnis Christi.
„Antworte mir, o Gott, in der Stunde, in der der Tod mich verschlingt: Genügt denn der ganze Wille eines Menschen nicht, um auch nur einen Teil des Heils zu erlangen?“, fragt der verzweifelte Pastor Brand im gleichnamigen Drama von Ibsen. Dieser Frage antwortet die demütige Positivität der heiligen Therese vom Kinde Jesu, die schreibt: „Wenn ich gütig bin, so nur, weil Jesus in mir wirkt.“ Bedenken wir all dies, dann folgt daraus, dass die Freiheit des Menschen, die das Geheimnis stets einbezieht, ihren höchsten, unangreifbaren Ausdruck im Gebet findet. Darum äußert sich die Freiheit, gemäß ihrer wahren Natur, in der Bitte, dem Sein und deshalb Christus anhängen zu können. Selbst in der Unfähigkeit, in der großen Schwäche des Menschen, wird die Zuneigung zu Christus anhalten.
In diesem Sinne ist Christus Licht und Stärke eines jeden seiner Jünger. Er ist der angemessene Widerschein jenes Begriffes, mit dem sich das Geheimnis in seiner letzten Beziehung zum Geschöpf enthüllt: Barmherzigkeit, Dives in Misericordia. Das Geheimnis der Barmherzigkeit sprengt jede menschliche Vorstellung von Ruhe oder von Verzweiflung. Auch die Erfahrung der Vergebung ist in diesem Geheimnis Christi enthalten. Das ist die letzte Umarmung des Geheimnisses, der der Mensch nichts entgegensetzen kann, gleich wie fern er steht, wie pervers, finster oder verbittert er sein mag. Er kann ihr keinen Einwand entgegensetzen. Er kann sich nur abwenden, allerdings nur indem er sich von sich selbst und seinem eigenen Wohl abwendet. Das Geheimnis als Barmherzigkeit bleibt das letzte Wort, auch zu allen schlimmen Möglichkeiten der Geschichte.
Darum ist Ausdruck und letztes Ideal unserer Existenz das Betteln. Der wahre Protagonist der Geschichte ist der Bettelnde: Christus, der um das Herz des Menschen bettelt, und das Herz des Menschen, das um Christus bettelt.

© Fraternità di Comunione e Liberazione. CF 97038000580 / Webmaster / Datenschutzerklärung / Credits