Apropos ‘Gemeinwohl’ - Luigi Giussani

Apropos ‘Gemeinwohl’

Luigi Giussani

01.01.1987 - Versammlung der Democrazia Cristiana der Lombardei in Assago (Mailand)

Als umfassendste Form von Kultur kann die Politik nicht anders, als sich in erster Linie um den Menschen zu kümmern. In seiner Rede vor der UNESCO sagte Papst Johannes Paul II.: «Die Kultur steht immer in we-sentlicher und notwendiger Beziehung zu dem, was der Mensch ist.»

l. Es ist nun äußerst interessant, zu beobachten, dass es im Menschen einen Punkt gibt, in dem er wirklich eins ist: sein Ich. In der genannten Rede be-tont der Papst die Notwendigkeit, «in der Kultur immer den ganzen Men-schen, den Menschen in der ganzen Wirklichkeit seiner geistigen und kör-perlichen Subjektivität zu betrachten» und «der Kultur – diesem echt menschlichen System, dieser glänzenden Synthese von Geist und Körper – nicht länger die auf Vorurteilen beruhenden Spaltungen und Gegensätze vorzuziehen.»
Was aber bestimmt diese Einheit des Menschen, was verleiht ihr ihre Form? Es ist jenes dynamische Moment im Menschen, das durch die Fragen und grundlegenden Bedürfnisse, in denen es sich zum Ausdruck bringt, die persönlichen und sozialen Äußerungen der Menschen lenkt und leitet. Die-ses dynamische Moment, diesen grundlegenden Faktor, der sich in Fragen, Forderungen und Ansprüchen mit persönlicher und sozialer Dimension be-merkbar macht, nenne ich kurz ‘religiösen Sinn’. Der religiöse Sinn ver-leiht dem Menschen Einheit. Ich erinnere daran, dass der heilige Paulus im 17. Kapitel der Apostelgeschichte die große und unaufhaltsame Unrast der Völker als Suche nach Gott beschreibt.
Der religiöse Sinn scheint mir, so gesehen, der Quell zu sein, aus dem die Werte entspringen. Letztlich ist nämlich etwas ein Wert, wenn es zwischen etwas Vorübergehendem und der Totalität, dem Absoluten eine Beziehung herstellt. Und die Verantwortung des Menschen spielt sich darin ab, auf die Fragen eine Antwort zu finden, die sich der religiöse Sinn oder – biblisch gesprochen – ‘das Herz’ stellt, wenn es auf die Wirklichkeit trifft, die diese Fragen auf allerlei Art anregt.

2. Bei der Ausübung dieser Verantwortung gegenüber den Werten hat es der Mensch mit der Macht zu tun. Unter «Macht» verstehe ich, was Roma-no Guardini in seinem gleichnamigen Buch definiert als Entwurf eines ge-meinsamen Zieles und die Organisation der Mittel, um dieses Ziel zu errei-chen. Nun ist die Macht entweder von dem Willen dazu bestimmt, der Schöpfung Gottes bei ihrer dynamischen Entfaltung zu dienen (das heißt dem Menschen, der Kultur und dem sich daraus ergebenden Handeln), oder aber die Macht neigt dazu, die menschliche Wirklichkeit auf das zu reduzie-ren, was sie schon im voraus als eigenes Bild von der Entfaltung des Wirk-lichen, das heißt der Geschichte festgelegt hat.
Auf diese Weise entsteht ein Staat, der sich als Quelle aller Rechte dar-stellt und damit den Menschen auf einen «Teil der Natur oder als anonymes Element in der menschlichen Gesellschaft» reduziert, wie es die Kon-zilskonstitution Gaudium et spes sagt.

3. Wenn die Macht allein auf das Erreichen ihres eigenen Plans ausgerichtet ist, dann muss sie versuchen, die Sehnsüchte des Menschen zu beherrschen. Die Sehnsucht ist in der Tat das Emblem der Freiheit, denn sie öffnet den Horizont der Kategorie der Möglichkeit. Das Problem der Macht – in dem hier gebrauchten Sinne – besteht indessen darin, sich den größtmöglichen Konsens einer Masse zu sichern, deren Bedürfnissen schon immer mehr festgelegt sind. So erfahren die Sehnsüchte des Menschen und folglich die Werte eine wesentliche und systematische Verkürzung.
Die Massenmedien und die Schulen übernehmen dabei die Aufgabe, bestimmte Sehnsüchte auf verbissene Weise einzutrichtern und andere zu übergehen oder auszulöschen. In seiner Enzyklika Dives in Misericordia stellt der Papst fest, dass die Tragödie unserer Zeit im Verlust der Gewis-sensfreiheit bei ganzen Völkern bestehe, die das Ergebnis eines zynischen Gebrauchs der Kommunikationsmittel durch jene ist, die über die Macht verfügen.»

4. Das Panorama des gesellschaftlichen Lebens wird immer uniformer und trister: es herrscht die große «Homologisierung» [Gleichmacherei, A.d.R.], von der Pasolini sprach. Eine Situation, die man mit folgender Formel be-schreiben könnte: M (= die Macht) läuft Gefahr, direkt proportional zu O (= zur Ohnmacht) zu werden. Wer die Macht hat, hätte dann regelrecht die Vorherrschaft angesichts der allgemeinen Ohnmacht, die man vermittels der systematischen Reduktion der Sehnsüchte, der Bedürfnisse und Werte an-strebt.(…)
In der Verflachung der Sehnsucht haben die Verwirrung der Jugendli-chen und der Zynismus der Erwachsenen ihre Ursache. Welche Alternative bietet sich angesichts der allgemeinen Asthenie [Kraftlosigkeit, A.d.R.] als Ausweg? Ein rastloser Voluntarismus ohne Perspektive, ohne Genialität und Flexibilität einerseits; ein Moralismus andererseits, der im Staat den letzten Halt innerhalb der menschlichen Unbeständigkeit erblickt und ihn daher stützt.

5. Will man eine Kultur der Verantwortlichkeit pflegen, muss man im Men-schen jene Ursehnsucht wachhalten, aus der alle Sehnsüchte und Werte entspringen: die Beziehung zum Unendlichen, die die Person zu einem han-delnden Subjekt in der Geschichte macht. Man muss vom religiösen Sinn ausgehen.
Dieser Ausgangspunkt führt die Menschen dazu, sich zusammenzu-schließen. Und dies nicht nur provisorisch aufgrund eigennütziger Bere-chungen, sondern substantiell, das heißt zu einem Zusammenschluss von überraschender Vollständigkeit und Freiheitlichkeit: die Kirche ist hierfür exemplarisch. Das Entstehen von Bewegungen ist Zeichen solcher Leben-digkeit, Verantwortlichkeit und Kultur, die das gesamte Gemeinwesen dy-namisieren.
Es gilt zu beachten, dass die Bewegungen unfähig sind, im Abstrakten zu verbleiben. Trotz der Trägheit oder des Mangels an Intelligenz bei denen, die sie vertreten oder die an ihrem Leben teilnehmen, erweisen die Bewe-gungen tendenziell ihre Authentizität dadurch, dass sie auf die Bedürfnisse eingehen, in denen sich die Sehnsüchte inkarnieren. Sie tun dies, indem sie wirksame Strukturen erfinden und schaffen, die vernetzt sind und zum rechten Zeitpunkt kommen: wir nennen dies ‘Werke’, («Formen neuen Le-bens für den Menschen», wie es Johannes Paul II. beim Meeting in Rimini 1982 sagte).
Die Werke tragen effektiv zur Neugestaltung der sozialen Verhältnisse bei. (…)
Die Politik muss sich deshalb entscheiden, ob sie eine Gesellschaft vorzieht, die ausschließlich ein manipulierbares Instrument des Staates ist, ein Objekt seiner Macht also, oder ob sie einen Staat vorzieht, der wirklich laikal ist, das heißt im Dienste des gesellschaftlichen Lebens steht, gemäß der thomis-tischen Auffassung vom „Gemeinwohl», die der große und unvergessene Leo XIII. in seinem Lehramt kraftvoll wieder aufgegriffen hat.
Ich habe diese letzte, wohl allen selbstverständliche Bemerkung ge-macht, um daran zu erinnern, dass es sich um einen keineswegs einfachen Weg handelt, so wie im übrigen der Weg jeder Wahrheit im Leben schwie-rig ist. Aber man sollte sich, auch hier, nicht vom dem beängstigen lassen, was im Evangelium steht: Wer an seinem Besitz, an seinem Leben festhält, wird es verlieren, wer im Namen Christi sein Leben gibt, wird es gewinnen.

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