Regina coeli - Franziskus

Regina coeli

Franziskus

19.04.2015

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!


In den biblischen Lesungen der heutigen Liturgie erklingt zweimal das Wort »Zeugen«. Das erste Mal aus dem Mund Petri, als er nach der Heilung des Gelähmten an der Pforte des Tempels von Jerusalem ausruft: »Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen« (Apg 3,15). Das zweite Mal aus dem Mund des auferstandenen Jesus. Am Abend des Ostertages öffnet er den Sinn der Jünger für das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung und sagt zu ihnen: »Ihr seid Zeugen dafür« (Lk 24,48). Die Apostel, die mit ihren eigenen Augen den auferstandenen Christus gesehen hatten, konnten über ihre außerordentliche Erfahrung nicht schweigen. Er hatte sich ihnen gezeigt, damit durch sie die Wahrheit seiner Auferstehung zu allen gelange. Und die Kirche hat die Aufgabe, diesen Auftrag in der Geschichte fortzuführen; jeder Getaufte ist dazu berufen, mit den Worten und mit dem Leben zu bezeugen, dass Jesus auferstanden ist, dass Jesus lebendig und gegenwärtig ist in unserer Mitte.


Wir alle sind berufen, Zeugnis dafür zu geben, dass Jesus lebendig ist. Wir können uns fragen: Wer aber ist ein Zeuge? Der Zeuge ist einer, der gesehen hat, der sich erinnert und erzählt. Sehen, erinnern und erzählen sind die drei Verben, die dessen Identität und Auftrag beschreiben. Der Zeuge ist einer, der gesehen hat, mit objektivem Auge, er hat eine Wirklichkeit gesehen, doch nicht mit gleichgültigem Auge; er hat gesehen und sich vom Ereignis ergreifen lassen. Aus diesem Grund erinnert er sich, nicht allein deshalb, weil er die geschehenen Tatsachen genau zu rekonstruieren vermag, sondern auch weil ihn jene Tatsachen angesprochen haben, und er deren tiefen Sinn erfasst hat. Dann erzählt der Zeuge nicht kühl und distanziert, sondern wie jemand, der sich in Frage stellen lassen und von jenem Tag an sein Leben geändert hat. Der Zeuge ist einer, der sein Leben geändert hat.


Der Inhalt des christlichen Zeugnisses ist keine Theorie, er ist keine Ideologie oder ein komplexes System von Vorschriften und Verboten oder ein Moralismus, sondern er besteht in einer Botschaft des Heiles, in einem konkreten Ereignis, ja, in einer Person: im auferstandenen Christus, der lebendige und alleinige Heiland aller. Er kann von allen bezeugt werden, die eine persönliche Erfahrung von ihm gemacht haben, im Gebet und in der Kirche, durch einen Weg, der sein Fundament in der Taufe, seine Nahrung in der Eucharistie, sein Siegel in der Firmung, seine beständige Umkehr in der Buße hat. Dank dieses Weges und immer geführt vom Wort Gottes kann jeder Christ Zeuge des auferstandenen Jesus werden. Und sein Zeugnis ist umso glaubwürdiger, je mehr es in einem Leben nach dem Evangelium durchscheint, das freudig, mutig, sanftmütig, friedvoll, barmherzig ist. Wenn sich dagegen der Christ von Bequemlichkeiten, von Eitelkeit, von Egoismus ergreifen lässt, wenn er gegenüber der Frage vieler Brüder und Schwestern nach »Auferstehung « taub und blind wird, wie wird er dann den lebendigen Jesus vermitteln können, wie wird er die befreiende Macht des lebendigen Jesus und dessen unendliche Zärtlichkeit vermitteln können?


Maria, unsere Mutter, stütze uns durch ihre Fürsprache, damit wir – zwar mit unseren Grenzen, doch mit der Gnade des Glaubens – Zeugen des auferstandenen Herrn werden können, indem wir den Menschen, denen wir begegnen, die österlichen Gaben der Freude und des Friedens bringen.




Nach dem Regina Coeli:



Liebe Brüder und Schwestern!


In diesen Stunden erreichen uns Nachrichten über eine neue Tragödie im Mittelmeer. Ein Fischkutter voller Migranten ist vergangene Nacht ungefähr sechzig Meilen vor der libyschen Küste gekentert und man befürchtet, dass es zu Hunderten von Opfern gekommen ist. Angesichts einer derartigen Tragödie bringe ich meinen tiefsten Schmerz zum Ausdruck und versichere die Verstorbenen und ihre Familien meines Gedenkens und meines Gebets. Ich rufe mit aller Dringlichkeit dazu auf, dass die internationale Gemeinschaft entschieden und schnell handelt, um zu vermeiden, dass sich ähnliche Tragödien wiederholen.


Es sind Männer und Frauen wie wir, unsere Brüder und Schwestern, die Hunger leiden, verfolgt werden, verwundet sind, ausgebeutet werden, Opfer von Kriegen sind; sie suchen ein besseres Leben. Sie suchten nach Glück… Ich lade euch ein, für diese Brüder und Schwestern zuerst in Stille zu beten und dann alle gemeinsam. [Stilles Gebet]


Gegrüßt seist du, Maria…


Herzlich grüße ich euch alle, die ihr aus Italien und vielen anderen Teilen der Welt gekommen seid: die Pilger aus dem Bistum de Santo André in Brasilien; die Pilger aus Berlin, München und Köln; die Schüler aus Grafton (Australien) und aus Sant Feliu de Llobregat (Spanien). Ich grüße die Polen aus dem Bistum Rzeszów und ich stehe den Teilnehmern am »Marsch für die Heiligkeit des Lebens« nahe, der in Warschau stattfindet. Ich ermutige dazu, das menschliche Leben immer zu verteidigen und zu fördern.


Ich grüße die Katholische Aktion aus Formia; die Gläubigen aus Mailand, Lodi, Limbiate und Torre Boldone (Bergamo); die Kinder aus Turin, Senigallia, Almenno San Salvatore, Villafontana und Gràssina; die Jugendlichen aus Noventa Vicentina und Catania; den Chor aus Trecate und die Mitglieder des Lions Club. Einen besonderen Gruß richte ich an die Gruppe der Katholischen Universität »Sacro Cuore « anlässlich des heutigen Nationalen Tages zur Förderung dieses großen Athenäums. Es ist wichtig, dass es weiter die Jugend zu einer Kultur ausbilden kann, die Glauben und Wissenschaft, Ethik und Professionalität miteinander verbindet.


Heute beginnt in Turin die feierliche Ausstellung des Heiligen Grabtuchs. Auch ich werde mich, so Gott will, dorthin begeben, um es am kommenden 21. Juni zu verehren. Ich spreche die Hoffnung aus, dass dieser Akt der Verehrung uns allen helfe, in Jesus Christus das barmherzige Antlitz Gottes zu finden und es in den Gesichtern unserer Brüder und Schwestern zu erkennen, besonders in denen, die am meisten leiden. Bitte, vergesst nicht, für mich zu beten. Ich wünsche allen einen schönen Sonntag und eine gesegnete Mahlzeit.



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