Botschaft zum 37. Meeting für die Freundschaft unter den Völkern - Franziskus

Botschaft zum 37. Meeting für die Freundschaft unter den Völkern

Franziskus

02.08.2016

Aus dem Vatikan, 2. August 2016

Hochwürdigste Exzellenz,

anlässlich des 37. Meetings für die Freundschaft unter den Völkern freue ich mich, Ihnen, den Organisatoren, den freiwilligen Helfern und allen Teilnehmern den wohlwollenden Gruß des Heiligen Vaters Franziskus zu übermitteln, zusammen mit meinen persönlichen besten Wünschen für dieses bedeutende Ereignis.

Der Titel der Begegnung – „Du bist ein Gut für mich“ – ist mutig. Denn es braucht wirklich Mut, das zu behaupten, wo doch so viele Aspekte der uns umgebenden Wirklichkeit
in die entgegengesetzte Richtung zu weisen scheinen. Allzu oft erliegt man der Versuchung, sich in dem engen Horizont seiner eigenen Interessen zu verschließen, so dass die anderen
überflüssig werden oder, schlimmer noch, zu einem Hindernis. Aber das entspricht nicht unserer Natur. Von Kindheit an entdecken wir, wie schön die Verbundenheit unter den
Menschen ist, lernen wir, dem anderen zu begegnen, ihn anzuerkennen und zu respektieren als Gesprächspartner und als Bruder, da wir alle Kinder des einen Vaters im Himmel sind.
Der Individualismus dagegen entfernt uns von den Menschen. Er sieht vor allem ihre Grenzen und Fehler. Er schwächt die Sehnsucht nach und die Fähigkeit zu einem Zusammenleben, bei dem jeder frei und glücklich ist in Gemeinschaft mit den anderen, im Reichtum ihrer Verschiedenheit.

Angesichts der Bedrohungen von Frieden und Sicherheit der Völker und Nationen sind wir dazu aufgerufen, uns bewusst zu werden, dass es vor allem die existentielle Unsicherheit
ist, die uns Angst macht vor dem anderen, als wäre er ein Gegner, der uns Lebensraum wegnimmt und die Grenzen, die wir für uns gezogen haben, überschreitet. Wer kann
angesichts des Epochenwandels, in dem wir alle stehen, noch meinen, er könne sich alleine und aus eigener Kraft retten? Das ist die Anmaßung, die jedem Konflikt unter Menschen
zugrunde liegt. Nach dem Beispiel Jesu ist ein Christ immer offen für den anderen, wer immer er auch sein mag, denn er hält niemanden für endgültig verloren. Das Evangelium
bietet uns ein eindringliches Bild für diese Haltung: den verlorenen Sohn, der die Schweine hütet, und den Vater, der jeden Abend auf den Balkon tritt, um zu schauen, ob der Sohn nicht nach Hause kommt, und trotz allem die Hoffnung nicht aufgibt. Wie würde sich unsere Welt verwandeln, wenn diese grenzenlose Hoffnung die Brille wäre, durch die die Menschen
einander sehen! Jesus hat den Zöllner Zachäus und den guten Schächer am Kreuz als Geschöpfe Gottes betrachtet, die der erlösenden Umarmung bedürfen. Und er hat sogar Judas,
genau in dem Moment, da er ihn verriet, „Freund“ genannt.

Ein Wort dürfen wir nie müde werden zu wiederholen und vor allem zu bezeugen: Dialog. Wir werden entdecken, dass uns den anderen zu öffnen unseren Blick nicht ärmer
macht, sondern uns bereichert, da es uns die Wahrheit des anderen erkennen lässt, die Bedeutung seiner Erfahrung und das, was hinter dem steht, was er sagt, auch wenn es sich
unter Haltungen und Entscheidungen verbirgt, die wir nicht teilen. Eine wahre Begegnung erfordert eine klare eigene Identität, aber gleichzeitig die Bereitschaft, sich in die Lage des
anderen zu versetzen, um unter der Oberfläche das zu erfassen, was sein Herz bewegt, das, wonach er wirklich sucht. So kann jener Dialog beginnen, der einen voranschreiten lässt auf dem Weg zu neuen Synthesen, die beide Seiten bereichern. Das ist die Herausforderung, vor der alle Menschen guten Willens stehen.

Viele Umwälzungen, vor denen wir uns oft als machtlose Zeugen fühlen, sind in Wirklichkeit eine geheimnisvolle Einladung, die Grundlagen der Gemeinschaft unter den
Menschen wiederzuentdecken, um einen neuen Anfang machen zu können. Welchen Beitrag können wir als die Jünger Jesu zu all dem leisten? Unser Beitrag ist die Sendung, zu der Gott uns auserwählt hat: die „Verkündigung des Evangeliums. Diese zeigt sich heute mehr denn je vor allem darin, dass wir dem Menschen mit seinen Verletzungen entgegenkommen, indem wir ihm die starke und zugleich schlichte Gegenwart Christi bringen, seine tröstende und ermutigende Barmherzigkeit.“ (Franziskus, Ansprache bei der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016)

Das wünscht Ihnen der Heilige Vater und ermutigt die Teilnehmer des Meetings, dem kreativen persönlichen Zeugnis höchste Aufmerksamkeit zu schenken, in dem Bewusstsein,
dass das, was andere anzieht, erobert und ihre Fesseln löst, nicht die Macht der Instrumente ist, sondern die zärtliche Sanftmut der barmherzigen Liebe des Vaters, die jeder erreichen kann durch die Quelle der Gnaden, die Gott uns in den Sakramenten anbietet, insbesondere in der Eucharistie und im Bußsakrament, um sie dann an seine Brüder weiterzureichen. Er ruft uns dazu auf, uns weiterhin um Nähe zu den anderen zu bemühen und ihnen freudig zu dienen, gemäß dem, was Don Giussani lehrte: „Der christliche Blick ist erfüllt von dem Bemühen, all das Gute hervorzuheben, das sich in allem findet, dem man begegnet, in dem er es als Teil jenes Planes erkennt, der in der Ewigkeit vollendet werden wird und uns in Christus offenbart worden ist“ (L. Giussani – S. Alberto – J. Prades, Generare tracce nella storia del mondo, Rizzoli, Mailand 1998, S. 157).

Mit diesen Gefühlen ruft Seine Heiligkeit auf Sie, Exzellenz, auf die Organisatoren, die Teilnehmer und die zahlreichen freiwilligen Helfer des Meetings für die Freundschaft unter
den Völkern das Licht des Heiligen Geistes herab, auf dass es zu einer fruchtbaren Erfahrung des Glaubens und der brüderlichen Gemeinschaft werde. Er bittet alle, auch für ihn zu beten, und erteilt ihnen gerne seinen Apostolischen Segen.

Indem ich Eure Exzellenz bitte, auch meine persönlichen besten Wünsche zu überbringen, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Sie meiner vorzüglichsten Hochachtung zu
versichern,

Ihr
Pietro Kardinal Parolin
Staatssekretär

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