Vincent van Gogh, "Flieder", Museum Ermitage, Sankt Petersburg

Gibt es Hoffnung? Die Faszination des Entdeckens

Das dritte Kapitel des Buches mit den Inhalten der Exerzitien der Fraternität von Comunione e Liberazione, die vom 16.-18. April 2021 stattgefunden haben.
Julián Carrón

KAPITEL 3
DAS UNVORHERSEHBARE ERZITTERN

Die Gegenwart mit ihren Erschütterungen hat Strukturen in unserem Leben zutage treten lassen, die wir bisher selbstverständlich nahmen. „So war das nunmal mit den Tatsachen. Sie brachten jedes Ideenbläschen zum Platzen, erschütterten Theorien, machten Überzeugungen zunichte.“ Plötzlich wurde für viele Menschen das Bedürfnis nach einem letzten Sinn drängend, wenn auch nur für einen Augenblick, da sie vor der Frage nach Leben und Tod standen, die wir nie ganz unter unsere Kontrolle bringen können. Viele Evidenzen, das ist nichts Neues, haben sich verflüchtigt und gehören nicht mehr zu unserem kulturellen Startgepäck. Wenn die Unsicherheit, wie Morin es ausdrückt, die Chiffre für unsere Zeit ist, dann ist sie durch die Schwere und Hartnäckigkeit der Pandemie noch gewachsen. Von
welcher Position auch immer man ausgeht, es ist schwieriger geworden, an dem festzuhalten, was man schon kennt, und sich einfach der Illusion hinzugeben, man habe sein Leben in der Hand. Aber vielleicht macht es paradoxerweise die Dinge leichter, wenn wir sehen, wie
gewisse monolithische Annahmen zu Bruch gehen und sich ein Spalt in der Mauer unserer Gewissheiten auftut. Wie Leonard Cohen singt: „Es gibt einen Spalt, einen Spalt in allem. So kommt das Licht hinein.“ ...