November 2025. Treffen mit Severgnini in München

Ein neuer Blick auf unsere Schüler

Erziehung ist mehr als eine Strategie. Lehrer und in der Jugendarbeit Engagierte trafen Francesco Severgnini, der das Schulzentrum Regina Mundi in Mailand leitet.

Anfang November hatten wir die Freude, Seve, wie er von seinen Freunden genannt wird, für zwei intensive Tage der Begegnung und Arbeit in Deutschland begrüßen zu können. Es war eine schöne Gelegenheit, innezuhalten und uns wieder mit dem Thema Erziehung zu beschäftigen, indem wir uns von den drängenden Fragen und konkreten Erfahrungen derer herausfordern ließen, die täglich mit Jugendlichen zu tun haben.

Der Samstag war für die Betreuer der Jugendlichen von GS und der „Ritter“ gedacht. In einer Atmosphäre des einfachen und ehrlichen Austausches konnten sie mit Seve über das erzieherische Angebot der Bewegung für junge Menschen sprechen. Die Fragen, die dabei zur Sprache kamen, bezogen sich auf den Kern dieser Aufgabe: Wie können wir die Jugendlichen dabei begleiten zu reifen und zu wachsen? Wie können wir ihnen auf authentische Weise beistehen, ohne Erziehung auf Regeln oder Strategien zu verkürzen? Wie können wir zu einer Präsenz werden, die etwas bewirkt?
Am Sonntag ging es vor allem um die Anliegen und Fragen der Lehrer und Pädagogen. Dabei wurden auch persönliche Fragen zur eigenen Berufung gestellt: Warum Lehrer oder Erzieher werden? Woher kommt der Wunsch, andere bei der Suche nach dem Sinn ihres Lebens zu begleiten? Viele von uns haben erkannt, dass Erziehung nicht in erster Linie das ist, was man „tut“, sondern eine Art, mit der Realität und den uns anvertrauten Menschen umzugehen.

An beiden Tagen ging es nicht nur darum, Hinweise oder Antworten zu bekommen, sondern eine neue Sichtweise zu entdecken: mehr Aufmerksamkeit auf die einzelne Person, mehr Vertrauen in die Freiheit der Jugendlichen, mehr Bewusstsein für den Wert der eigenen Erfahrung. Einige Teilnehmer berichteten später davon, wie sich diese neue Sichtweise in ihrem Alltag oder im Unterreicht auswirkt.

„Das Treffen mit Severgnini war für mich sehr wichtig“, erklärt Francesco. „Besonders beeindruckt hat mich, dass er sagte, ein Erwachsener könne nur dann wirklich lernen, wenn er sein Wissen und seine Erfahrungen an andere weitergebe.“ Darin habe er sofort seine eigene Erfahrung mit den Jugendlichen wiedererkannt, meint Francesco. „Gemeinsam mit Freunden teile ich meine Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen. Und genau da merke ich, dass ich wirklich etwas lerne: über mich selbst und meine Beziehung zum Herrn.“ Die Erwachsenen versuchten dabei, die Schönheit des Glaubens und seine Bedeutung für das Leben aufzuzeigen. Oft seien es gerade die einfachen Fragen der Kinder, die am meisten provozierten: „Wer liebt mich? Wer sind meine Freunde? Das sind dieselben Fragen, die auch ich in meinem Herzen trage“, sagt Francesco. Daraus ergibt sich für ihn eine noch radikalere Frage: „Wer kann meine tiefsten Bedürfnisse stillen?“ Gerade dank dieser elementaren Fragen, erzählt er, seien bei ihm die Suche nach Antworten und der Wunsch, den Glauben zu vertiefen, intensiver geworden. „Daher denke ich, dass das, was Seve gesagt hat, wahr ist: Als Erzieher lerne ich ständig dazu, entdecke meine Bedürfnisse neu – und auch den, der sie wirklich erfüllen kann.“

Bei dem, was er an dem Wochenende hörte, hat Francesco ein Bild besonders beeindruckt: Seve beschrieb eine Ruine, in der jemand (vielleicht ein Obdachloser) ein Licht angezündet hatte. „Er sagte, diese Ruine sei wie er selbst: ein Leben, das von vielen Fehlern geprägt war, in dem aber schließlich auch Gott wohnte. Dieses Bild hat bei mir einen neuen Wunsch geweckt: mich selbst und andere zu sehen in der Gewissheit, dass ihnen einen Wert geschenkt ist, den es als täglichen Weg zu leben gilt.“

Oft sind es gerade die einfachen Fragen der Kinder, die am meisten provozierten: „Wer liebt mich? Wer sind meine Freunde? Das sind dieselben Fragen, die auch ich in meinem Herzen trage“

Bei dem Treffen am Sonntag stellte Titta eine Frage, die sich aus ihrer täglichen Erfahrung im Unterricht ergab: Beim Unterrichten falle ihr oft auf, dass die Sehnsucht der jungen Menschen erloschen scheine und nur schwer wieder zu wecken sei. Selbst wenn man ihnen schöne und gehaltvolle Angebote mache, sei die Reaktion häufig ein Achselzucken. „Wie soll man damit umgehen? Wie kann man die Sehnsucht der jungen Leute wieder wecken?“
Die Antwort von Seve war unmissverständlich: „Die Sehnsucht erlischt, wenn sie nicht zu einer Bitte wird, die sich an jemanden richtet.“ Aber die Freiheit kann sich nur dann in einer Bitte ausdrücken, wenn sie auf etwas trifft, das ihr erstrebenswert erscheint. Daraus ergeben sich einige entscheidende Punkte für die Aufgabe der Erziehenden: die Menschlichkeit jedes Einzelnen ernst nehmen, ohne die Anzeichen scheinbarer Gleichgültigkeit abzutun; keine Angst vor der Unzufriedenheit haben, die in den Herzen wohnt, sondern sie als Zeichen eines größeren Bedürfnisses anerkennen; und sich wieder bewusst machen, dass es etwas Unendliches gibt, das uns Menschen retten kann.
Am Tag nach diesem Wochenende ging Titta, wie sie selbst sagt, mit einem neuen Blick in die Schule. Wenn sie sich zuvor immer leer fühlte angesichts der Gleichgültigkeit der Schüler, so sah sie diese nun mit neuer Sympathie, bereit, Wege zu suchen, um bei ihnen die Freude und Liebe zu ihrem Unterrichtsfach, Latein, zu wecken. Ein anderer Blick, der vor allem Zeichen dafür ist, dass die Erziehung bei den Erwachsenen Früchte trägt.

Lucia, eine Betreuerin der „Ritter“, hat ebenfalls eine klare Erkenntnis mit nach Hause genommen. Wie soll man den Jugendlichen und ihrer unendlichen Sehnsucht begegnen, vor allem, wenn sie bestimmte Vorschläge viel attraktiver finden als andere?, fragte sie sich. Seve gab darauf eine sehr einfache Antwort: „Wir müssen immer deutlich machen, dass jeder geliebt ist und eine Bestimmung hat.“ Erziehen bedeute also, sich gegenseitig zu begleiten auf dem Weg zu der Erfüllung, zu der wir alle berufen sind. Uns sei es nicht egal, ob zwanzig oder nur zwei mitmachen, weil wir uns wünschten, dass alle dabei seien, und weil wir ihr Nein oft als persönliche Ablehnung empfänden. Aber das dürfe uns nicht bestimmen. Das zeige sich auch darin, dass wir die Kinder weiterhin einladen und begleiten und uns nicht vom Erfolg abhängig machen. „Gott macht genau das Gleiche mit uns“, sagte Seve. Deshalb sei die wichtigste Haltung der Erziehenden ein aufrichtiger Blick auf die jungen Menschen, der sich für ihr Leben interessiere und ihre Interessen beachte, in der Gewissheit, dass sie für ein großes Glück bestimmt seien.

Die Begegnung mit Seve hat uns neu klargemacht, dass Erziehung nicht in erster Linie von richtigen Strategien abhängt, sondern davon, dass man sich selbst erziehen lässt zu diesem neuen Blick. In den Alltag nimmt jede und jeder von uns eine einfache Gewissheit mit: Die Sehnsucht der Jugendlichen wird wieder geweckt, wenn sie Menschen begegnen, die ihre Berufung treu und froh leben.