Bischof Amel Nona

„MICH TRÄGT DIE FREUDE DERJENIGEN, DENEN ICH HELFEN KANN“

Interview mit Amel Nona, Bischof von Mossul (Irak). Seit der „Islamische Staat“ (IS) seine Bischofsstadt besetzt hat, wohnt er in Erbil. Er sieht, dass seine Gläubigen langsam das Vertrauen verlieren, und versucht, ihnen zu helfen: eine Bleibe zu finden.
Luca Fiore

„Im Moment ist es wichtiger, bei den Leuten zu sein, als schöne Worte zu machen.“

Das Haus des chaldäischen Erzbischofs von Mossul ist von Milizen des Islamischen Staates (IS) besetzt. Sie haben Kreuze zerstört und die Kirche geschändet. „Ich habe gehört, dass sie jetzt anfangen, die Innenausstattung der Kathedrale zu verkaufen“, berichtet Bischof Amel Shamon Nona, der jetzt als Flüchtling in Erbil im irakischen Teil Kurdistans lebt. Im Juni hatten wir ihn interviewt, wenige Tage vor dem Fall von Mossul (vgl. Spuren Juli/August 2014). Heute ist seine Herde zerstreut. Tausende christliche Familien sind vor den Fundamentalisten geflohen. Ihnen fehlt es an allem.

Inzwischen hat der Winter begonnen, und sie stehen vielleicht vor der schwersten Zeit ihres Lebens. Einziger Trost ist, dass sie die Weihnachtsliturgie in Freiheit feiern können, als Gäste der Christengemeinden vor Ort. Und Bischof Nona bereitet sich auf den Heiligen Abend vor, wie es ein Familienvater täte: Er besorgt Geschenke für die Kleinsten.

Wir würden Sie diese Monate im Exil beschreiben?
Es ist traurig, nicht zu Hause leben zu können und weit weg von dem Land zu sein, in dem man geboren wurde. Die Leute schlafen in Zelten oder in Schulen. Sie haben keine Arbeit. Sie haben alles verloren. Am Anfang hatten wir noch Hoffnung, dass die Krise bald gelöst sei. Doch mittlerweile ist diese Hoffnung verflogen. Es gibt keine positiven Signale. Überall herrscht Niedergeschlagenheit.



Worunter leiden Sie am meisten?
Unter dem sich ausbreitenden Mangel an Vertrauen, an Vertrauen in das eigene Land, den Irak, in die Muslime, mit denen wir schon immer zusammengelebt hatten. Heute sehe ich Leute vor mir, die keine Zukunftsperspektive haben und nur von einem Tag auf den anderen leben.

Haben die Menschen auch den Glauben verloren?
Nein, das nicht. Unsere Leute sind genau deswegen hier, weil sie nicht den Glauben verlieren wollten. Hätten sie sich zum Islam bekehrt, dann hätten sie in ihren Häusern bleiben können.

Sind sie wütend auf Gott?
In den ersten Tagen gab es schon Wut. Aber nicht auf Gott, sondern auf die Gewalt, die Menschen ausüben.

Warum gehen die Leute lieber ins Exil und leiden, als ihren Glauben aufzugeben?
Im Nahen Osten und besonders im Irak ist der Glaube nicht ein Gedankengebäude. Er prägt unsere Identität und Persönlichkeit. Den Glauben aufzugeben, würde bedeuten, dass wir uns selbst aufgeben.

Was sagen Sie ihren Gläubigen?
Wichtiger als etwas zu sagen ist momentan, etwas zu tun, zu handeln, bei ihnen zu sein. Das ist wichtiger als jedes Wort. Sicherlich versuche ich ihnen zu vermitteln, dass das Leben damit nicht zu Ende ist, dass nicht alles verloren ist. Ich merke aber, dass es momentan mehr wirkt, wenn man ihnen hilft.

Was tun Sie, um ihnen zu helfen? Wie verbringen Sie Ihre Tage?
Vor einer Stunde ist der Verantwortliche eines Flüchtlingszentrums in Ankawa zu mir gekommen. Das Zentrum beherbergt 66 Familien. Er hat mir gesagt, dass sie seit 24 Stunden kein Gas mehr haben und dass die Leute nicht mehr kochen können. Ich habe den Bürgermeister der Stadt angerufen und ihm das Versprechen abgerungen, dass er morgen einen Tankwagen mit Gas schicken wird. Außerdem kam heute eine Familie mit einem behinderten Kind. Sie leben zusammen mit anderen Familien in einem Klassenzimmer in einer Schule. Die Situation ist ein bisschen kompliziert, und sie haben mich gebeten, für sie eine richtige Wohnung zu finden. Ansonsten besuche ich die Flüchtlingszentren. Dort rede ich mit den Leuten und versuche zu verstehen, wo ihre Probleme liegen. So vergeht der Tag. Jeden Tag gibt es etwas zu tun, Probleme zu lösen. Seit drei Monaten lebe ich so.

Was gibt Ihnen die Kraft?
Es ist meine Sendung, dass ich diesen Menschen diene. Ihnen zu dienen bedeutet nicht nur zu predigen oder vom Glauben zu sprechen. Hier und heute heißt das auch, für sie eine anständige Unterkunft zu finden, in der sie menschenwürdig leben können. Der Glaube und das Gebet geben mir Kraft. Und dann die Freude, die ich bei den Leuten sehe, wenn ich ihnen helfe und wir gemeinsam eine kleine Lösung für alltägliche Probleme finden. Diese Freude bewegt mich dazu, ihnen weiter zu dienen.

Die Freude?
Ja, die sehe ich jeden Tag. Die Leute bedanken sich bei uns. Nicht immer, aber meistens tun sie das. Ich sehe, dass das, was wir tun, ihnen ein wenig Vertrauen zurückgibt. Es gibt aber auch viele Bedürfnisse, auf die wir keine Antwort finden. Und das tut mir weh.

Wie bereiten Sie sich auf Weihnachten vor?
Wir versuchen, etwas zu organisieren, besonders für die Kinder. Wir möchten ihnen ein Geschenk machen können. Ein kleines, aber würdiges Geschenk. Wir suchen Säle, wo wir ein wenig feiern können. Wir versuchen es. Wir hoffen, dass es gelingt.

Um was werden Sie den neugeborenen Jesus bitten?
Ich bitte Ihn, dass Er die Menschheit einsehen lässt, dass Gewalt unmenschlich ist. Ich bitte darum, dass Lösungen für unser Land gefunden werden, die alle respektieren, unabhängig von ihrer Religion, Volkszugehörigkeit oder Hautfarbe. Wie im Stall von Betlehem. Da waren Könige, Hirten und sogar Tiere versammelt. Ich bitte den neugeborenen Jesus darum, dass wir bald in unsere Heimat zurückkehren und in Frieden mit allen anderen leben können.