Was ist CL?

Der christliche Weg
als lebenslanges Abenteuer

Der in Gemeinschaft gelebte Glaube ist die Grundlage einer echten Befreiung des Menschen. Die Bewegung Comunione e Liberazione entstand in den fünfziger Jahren in Mailand und ist heute in neunzig Ländern weltweit präsent.

CL ist im Wesentlichen ein Vorschlag der Erziehung zum christlichen Glauben. Die Erziehung ist nicht in einem bestimmten Alter abgeschlossen, sondern muss ständig erneuert und vertieft werden. So verhält es sich auch mit dem Evangelium: Man kann es tausend Mal hören und es enthüllt doch immer neue Aspekte. Das gleiche gilt in der Liebe, im künstlerischen Schaffen und im alltäglichen Leben. Die Suche nach dem Wahren, dem Schönen, nach Gerechtigkeit und Glück hört nie auf. So ist das Christentum ein lebenslanges Abenteuer, und nicht nur eine „Vorbereitung“ auf das Leben.

Petersplatz, 7. März 2015. Audienz der Bewegung bei Papst Franziskus

Das christliche Faktum
Woraus und warum entsteht eine Erfahrung wie CL?
Don Giussani schrieb 2004 an Papst Johannes Paul II.: „Ich wollte niemals irgendetwas ,gründen‘. Ja, ich meine, dass der Genius der Bewegung, die ich entstehen sah, aus der Notwendigkeit einer Rückkehr zu den grundlegenden Aspekten des Christentums entstand, das heißt aus der Leidenschaft für das christliche Ereignis als solches, in seinen wesentlichen Aspekten – und nichts weiter. Und vielleicht hat gerade dies unvorhersehbare Möglichkeiten der Begegnung mit Persönlichkeiten aus der jüdischen, muslimischen, buddhistischen, protestantischen und orthodoxen Welt eröffnet, von den Vereinigten Staaten bis Russland. Sie fanden stets in dem Bestreben statt, all das an Schönem, Wahrem und Gutem mit offenen Armen aufzunehmen und wertzuschätzen, was in Menschen zu finden ist, die eine Zugehörigkeit leben.“



Vor allem Vernunft
So war es und so geschieht es noch immer. Don Giussani begann 1954 seine Tätigkeit als „Erzieher zum Christentum“ mit dem Religionsunterricht am staatlichen Mailänder Gymnasium „Berchet“. Sein „Herz war erfüllt von dem Gedanken, dass Christus alles ist für das Leben des Menschen“. Er überraschte die Schüler mit seinem Vorschlag, der sich vor allem an ihre Vernunft und ihre Freiheit richtete. Sie staunten, wie er ihnen die Schönheit der Musik, der Dichtung und der Natur nahebrachte, über seine Fähigkeit, das Herz jedes Menschen zu berühren und auf die ursprünglichen Bedürfnisse zu antworten, die es zuinnerst ausmachen.



Eine Methode, die Wirklichkeit zu beurteilen
Giussani fasst den Inhalt und das Ziel seiner Bemühungen so zusammen: „Von meiner ersten Unterrichtsstunde an habe ich immer gesagt: ‚Ich bin nicht hier, damit ihr das, was ich euch sage, übernehmt, sondern um euch eine wahre Methode beizubringen, mit der ihr das, was ich euch sage, beurteilen könnt. Und das, was ich euch sage, ist eine Erfahrung, Frucht einer langen Überlieferung: 2000 Jahre.‘ Diese Methode kennzeichnete von Anfang an unsere pädagogische Arbeit und machte ihr Ziel deutlich: aufzuzeigen, dass der Glaube den Bedürfnissen des Lebens entspricht. Durch die Formung in meiner Familie und im Seminar und später durch eigenes Nachdenken gelangte ich zu der tiefen Überzeugung, dass ein Glaube, der sich nicht in der täglichen Erfahrung finden ließe, der sich durch die Erfahrung nicht bestätigen ließe, der nicht imstande wäre, auf deren Bedürfnisse zu antworten, dass so ein Glaube nicht in einer Welt bestehen könnte, in der alles – alles! – das Gegenteil behauptete und auch heute noch behauptet. […] Aufzuzeigen, dass der Glaube den Bedürfnissen des Lebens entspricht, und folglich – dieses ‚folglich‘ ist mir wichtig – zu zeigen, dass der Glaube vernünftig ist, verlangt einen klar umrissenen Begriff von Vernunft. Zu behaupten, dass der Glaube die Vernunft ‚auf die Spitze treibt‘, bedeutet, dass der Glaube den ursprünglichen Grundbedürfnissen des Herzens jedes Menschen entspricht.“ (L. Giussani, Das Wagnis der Erziehung, EOS, Sankt Ottilien 2015, S. 18 f.)

„Ich bin nicht hier, damit ihr das, was ich euch sage, übernehmt, sondern um euch eine wahre Methode beizubringen, mit der ihr das, was ich euch sage, beurteilen könnt. Und das, was ich euch sage, ist eine Erfahrung, Frucht einer langen Überlieferung: 2000 Jahre.“


Faktoren der Erziehung
Die Erziehungsmethode von Don Giussani kann man in fünf Aspekten zusammenfassen:

  • Das Ereignis einer Begegnung: Wer der Bewegung begegnet, stößt auf eine Erfahrung, die auf den Glauben zurückzuführen ist, wie er über die Jahrhunderte in der katholischen Kirche weitergegeben wird. Die Begegnung mit dem Ereignis, das ihn vermittelt, führt zu einer Erfahrung und einer menschlichen Entsprechung, wie sie sonst völlig undenkbar sind.

  • Redlichkeit gegenüber der Tradition: Um zu erziehen, muss man das Überlieferte angemessen vorschlagen. Ohne die Kenntnis der Überlieferung hat der Jugendliche keinen Bezugspunkt, mit dem er sich vergleichen kann.

  • Autorität: Das Überlieferte kann den Jugendlichen nur vorgeschlagen werden, wenn es in einer gelebten Gegenwart angeboten wird, die deutlich macht, dass es den grundlegenden Bedürfnissen des Herzens entspricht. Diese Aufgabe übernimmt die Autorität, das heißt Menschen, die die Tradition bewusst leben und sie begründet vorschlagen.

  • Erziehung zur Kritikfähigkeit und zur persönlichen Verifizierung: Die vorgeschlagene Tradition muss sodann persönlich geprüft, das heißt mit den eigenen tiefsten Bedürfnissen und Evidenzen verglichen werden. Nur so wird man im Zusammentreffen mit dem Lebensumfeld und der ganzen Wirklichkeit nicht entfremdet oder von der vorherrschenden Kultur unterjocht.

  • Das Wagnis, notwendig für die Freiheit: Die Auseinandersetzung mit der Welt setzt den Jugendlichen dem Wagnis aus, andere Entscheidungen zu treffen oder andere Haltungen einzunehmen als jene, die der Erzieher aufzeigt. Dieses Wagnis ist unvermeidbar und notwendig, damit die Persönlichkeit wirklich reifen und die Freiheit voll zum Tragen kommen kann.


Neunzig Länder
Um Don Giussani sammelt sich eine kleine Gruppe von Schülern, die den bereits bestehenden Namen „Gioventù Studentesca“ [Schülerjugend] übernimmt. Der heutige Name „Comunione e Liberazione“ wird erstmals 1969 verwendet. Er drückt die Überzeugung aus, dass das christliche Ereignis, in der Gemeinschaft gelebt, die Grundlage für die wahre Befreiung des Menschen ist.
In den siebziger Jahren verbreitet sich die Bewegung an vielen Universitäten, Schulen und unter Berufstätigen, vor allem in Italien, aber auch im Ausland. Die historische Mission der ersten „Giessini“ in Brasilien begann bereits in den sechziger Jahren.
In den achtziger und neunziger Jahren entstanden zahlreiche Gemeinschaften von CL, von Kasachstan bis zu den Vereinigten Staaten, von Uganda bis Irland – auch aufgrund des Auftrags von Johannes Paul II.: „Geht zu allen Völkern und bringt ihnen die Wahrheit, die Schönheit und den Frieden, dem man in Christus, dem Erlöser, begegnet“. Heute ist CL in über 90 Ländern auf allen Kontinenten vertreten. Seit dem Tod von Don Giussani im Jahr 2005 wird die Bewegung von Don Julián Carrón geleitet, den Giussani selbst zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.



Das Seminar der Gemeinschaft
Das Seminar der Gemeinschaft ist das wichtigste „erzieherische“ Instrument für die Mitglieder der Bewegung. Ein vorgegebener Text wird persönlich gelesen und meditiert, anschließend in kleinen oder größeren Gruppen gemeinsam besprochen. Es geht darum, die christlichen Inhalte fortwährend mit der eigenen Lebenserfahrung zu vergleichen und so festzustellen, ob das Christentum auf die Bedürfnisse des Menschen in jedem Bereich der Wirklichkeit eine Antwort gibt.
Seit einigen Jahren können die Gruppen von CL in Italien und im Ausland über Videoschaltung auch an dem monatlich von Julián Carrón gehaltenen Seminar der Gemeinschaft teilnehmen. Diese Möglichkeit sowie die Mitschrift dieser Treffen bieten denjenigen, die es wünschen, ein wertvolles zusätzliches Instrument, die Methode dieses erzieherischen Weges zu lernen.



Eine einfache Struktur
Die Bewegung ist der Vorschlag eines Lebens für das Leben. Außer dem Seminar der Gemeinschaft werden verschiedene Aktivitäten, Mittel und Wege vorgeschlagen, die der Erziehung des Einzelnen und der Gemeinschaft dienen, wie etwa das Lesen der Texte des Papstes, das Gebet, die Bibellektüre, Exerzitien, das Singen, Wallfahrten oder der Kreuzweg am Karfreitag, karitatives Engagement, die Auseinandersetzung mit Werken der Kunstgeschichte, die „Oster- und Weihnachtsplakate“, die Gemeinschaftskasse, die gemeinsamen Ferien. All dies setzt das freie Mitmachen des Einzelnen voraus. („Ich habe alles auf die Freiheit gesetzt“, sagte Don Giussani oft). Eine formale Mitgliedschaft gibt es nicht.
Dies spiegelt sich auch in der Organisation der Bewegung wider, die sehr einfach ist: Sie besteht aus einem Präsidialrat – von rund 20 Personen –, der Don Carrón bei der Leitung der Bewegung unterstützt. Auf lokaler Ebene gibt es jeweils eine „Diakonie“ (der Begriff stammt aus dem Urchristentum), die aus ehrenamtlichen Mitgliedern besteht und sich um die Belange der Ortsgemeinschaft kümmert. Regelmäßig finden in den verschiedenen Kontinenten „Versammlungen der Verantwortlichen“ unter der Leitung von Don Carrón statt. Jährlich gibt es außerdem eine Internationale Versammlung der Verantwortlichen aus aller Welt. Die Homepage, die es in vier Sprachen und verschiedenen nationalen Varianten gibt, und Tracce die offizielle Zeitschrift der Bewegung, die ebenfalls in mehreren Sprachen in Print oder online (deutsche online Ausgabe: Spuren) erscheint, sind die wichtigsten Instrumente zur Kommunikation des Lebens der Bewegung und ihrer Präsenz in der Welt.

Für die eigene Berufung
Die christliche Erfahrung weckt in uns das Bewusstsein, dass jeder von uns einen „Ruf“ hat in der Welt. Jeder von uns hat eine Aufgabe, eine Berufung, die durch unsere Lebensumstände und einschneidende Ereignisse immer deutlichere Konturen annimmt. So sind aus dem Charisma von Don Giussani verschiedene Vereinigungen entstanden, die zum Ziel haben, Christen in ihrer jeweiligen persönlichen Berufung zu unterstützen, sei es als Laien, als Ordensbrüder oder –schwestern, als Diözesan- oder Missionspriester. Die umfassendste ist die Fraternität von Comunione e Liberazione, die 1982 vom Päpstlichen Rat für die Laien anerkannt wurde. Ihre Mitglieder verpflichten sich, den Glauben als Weg zur Heiligkeit zu leben, nach der Methode, die Don Giussani vorgegeben hat. Durch die Zugehörigkeit zur Fraternität, die eine formale Anmeldung und die Zustimmung zu den Statuten voraussetzt, bestätigt der Einzelne seine Verantwortung und seinen Einsatz für das Leben der Bewegung. Die Fraternität hat zurzeit ca. 67.000 Mitglieder in aller Welt.



Ein Beitrag zum Aufbau der Gesellschaft
Viele haben bestimmt schon vom Meeting di Rimini oder vom Banco Alimentare, der Tafel für Bedürftige gehört. Das sind Initiativen, die von Mitgliedern der Bewegung ausgegangen sind. Sie stellen nur zwei Beispiele einer erstaunlichen gesellschaftlichen Kreativität dar, die von Anfang an die Geschichte von CL kennzeichnet. Man muss allerdings deutlich sagen, dass die sogenannten „Werke von CL“ in Wirklichkeit „Werke von Mitgliedern von CL“ sind. Sie sind das Ergebnis der freien und selbständigen Initiative von Einzelnen oder Gruppen. Das einzige Ziel von Comunione e Liberazione ist ja zu bezeugen, dass das christliche Ereignis die angemessenste Antwort auf die Bedürfnisse des Menschen ist. Dadurch fühlt der im Glauben erzogene Einzelne sich zur Verantwortung, zu einem Einsatz in der Gesellschaft gedrängt. Das ist der Ursprung vieler Aktivitäten in den unterschiedlichsten Bereichen. Diese haben teilweise beträchtlichen Umfang angenommen. Ein Beispiel dafür sind die mehr als 100.000 freiwilligen Helfer bei der „Colletta alimentare“ (bei der in Supermärkten Lebensmittel für die Armen gesammelt werden) oder das internationale Ansehen, das das Meeting in Rimini genießt. All das sind Früchte der Leidenschaft von Christen, die sich in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft engagieren und so zu deren Aufbau beitragen: im Bereich der Kultur und der Bildung, in der Hilfe für Bedürftige, bei der Arbeit mit Jugendlichen und Familien, in Wirtschaft, Verwaltung und Politik.

Der Präsident der Republik Italien, Sergio Mattarella, beim Meeting in Rimini 2016