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Der Tag im Krankenhaus

Was bedeutet es, die Arbeit im Krankenhaus erwartungsvoll und mit Hoffnung anzugehen, die ständig neuen Probleme, die unzähligen Telefonate, die Beziehung mit den Patienten... Ein Gespräch mit Amedeo Capetti, Infektiologe am Mailänder Krankenhaus Sacco.
Paola Bergamini

Es ist Freitag, der 21. Februar 2020. Amedeo Capetti, Infektiologe am Mailänder Krankenhaus „Luigi Sacco“, schaltet sein Handy wieder ein, nachdem die Physiologie-Prüfungen für den Studiengang „Pflegewissenschaft“ zu Ende sind. Eine Fülle von beunruhigenden Nachrichten und Fragen erreicht ihn: „Was ist los?“ „Was sollen wir tun?“ Er schaut auf der Website der Region Lombardei nach. Die Zahlen sagen ihm, dass die Epidemie angekommen ist. Wenig später treffen die ersten Kranken aus Codogno und Lodi im „Sacco“ ein. (Codogno und Lodi, zwei kleine Orte südlich von Mailand, waren zu Beginn der Epidemie am stärksten betroffen.) So beginnt die Krise, bei dem dieses Mailänder Krankenhaus an vorderster Front stehen wird. Neue Intensivstationen werden eingerichtet, die Notaufnahme muss neu organisiert werden, um auf die Corona-Patienten vorbereitet zu sein.

Dr. Capetti ist eigentlich Leiter der Abteilung für sexuell übertragbare Krankheiten. Er betreut ca. 600 Patienten, die HIV-positiv sind. Und auch wenn er nun alles Mögliche versucht, um das weiter tun zu können, steht er plötzlich im Mittelpunkt dieser Krise bei seinen Diensten in der Notaufnahme wie auf Station.

Er brauchte mehrere Anläufe, bis er uns erzählen konnte, was er derzeit erlebt. Beim ersten Telefonat haben wir ihn in der Cafeteria erwischt, während einer Pause. „Patienten, die mir sagten: ‚Herr Doktor, die Gesundheit ist alles!‘, habe ich schon immer geantwortet: ‚Das ist ein auf verlorener Kampf. Früher oder später müssen wir alle sterben. Die Gesundheit ist ein nur Mittel, damit das Leben dem begegnen kann, der es uns geschenkt hat, und schön und groß werden kann.‘ Das ist für mich jetzt noch viel wahrer geworden. Es stimmt, was Don Giussani uns gelehrt hat und was auch Julián Carrón in seinem Artikel für den Corriere della Sera schreibt: Das Bewusstsein, was man von sich selber hat, also von seiner Beziehung zum Unendlichen, macht einen aufmerksam auf die Wirklichkeit und ihre Details. Man erkennt, wie wichtig der kleine Baustein ist, den man beitragen kann.“

Am ersten Sonntag der Krise müssen auf der Station alle Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt sind, entlassen oder verlegt werden, um Platz für die Flut der Neuankömmlinge zu schaffen. Der letzte Patient auf der Station ist ein älterer Mann, der mit Verdacht auf Lungenentzündung eingeliefert wurde, aber wahrscheinlich einen Tumor hat. Die Anweisung lautete, ihn nach Hause zu schicken, sobald seine Frau käme. Als die Frau kommt, erklärt Capetti ihr die Situation und bietet Unterstützung für die häusliche Pflege an. Am Ende des Gesprächs sagt die Frau: „Ich hoffe sehr, dass mein Mann es schaffen wird, denn er ist wirklich ein guter Mensch. Ich bin viel jünger als er, aber als ich ihm begegnet bin, habe ich gleich gemerkt, dass er etwas Besonderes ist. Ich habe ihn all die Jahre sehr geliebt.“ Abends sagt Amedeo seinen Freunden aus der Fraternitätsgruppe: „Wenn ich diesen Mann nur schnell hätte entlassen wollen, wäre mir diese so schöne Begegnung entgangen.“

Amedeo Capetti, Infektiologe am Mailänder Krankenhaus „Luigi Sacco“

Ein paar Tage später wird eine befreundete Krankenschwester positiv getestet und ins „Sacco“ eingeliefert. Ihre Familie muss natürlich in Quarantäne. Capettis Frau schlägt vor: „Rufen wir sie doch an und fragen, ob wir für sie einkaufen sollen.“ Capetti besucht die Freundin auf der Station, aber man darf (außer aus medizinischen Gründen) immer nur kurz in das Zimmer. So beschließt er, jeden Morgen ein paar Croissants mit einem Briefchen vorbeizubringen, für sie und ihre „Zimmergenossin“. Von dieser Gewohnheit profitieren dann bald auch andere Patienten. „Das sind Leute, auf die meine Freunde mich hinweisen. Sobald ich kann, besuche ich sie oder rufe an. Wem es sehr schlecht geht, der braucht vor allem medizinische Behandlung. Aber die, die keine schlimmen Symptome haben oder nur in Quarantäne sind, fühlen sich wie im Gefängnis und werden manchmal von Angst übermannt. Da reicht oft schon ein kurzes Gespräch mit dem Handy.“

Angst ist das Wort, das immer wieder fällt in den vielen Telefonaten, die er täglich führt. Es sind bis zu 150 pro Tag. Viele dieser Anrufe kommen von seinen HIV-Patienten. Sie fragen ihn, wie es ihm geht, und wollen ein bisschen mit ihm plaudern. Oft muss er sagen: „Ich rufe dich zurück“, weil er keine Zeit hat. „Ich kämpfe gegen die Angst, indem ich die Leute auffordere, die Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten, aber dabei die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Sie sollen nicht nur um sich selber kreisen, sondern Freundschaften pflegen und auch an die denken, die vielleicht Hilfe brauchen. Klar, das war früher einfacher, bevor alles geschlossen wurde und wir alle zu Hause bleiben mussten. Aber es entsteht auch viel Kreativität. Not macht erfinderisch. Meine Patienten haben das Bedürfnis, mit mir über ihre Ängste zu sprechen, weil sie wissen, dass ich sie mag. Das war schon immer so, auch vor der Corona-Krise. Aber das wäre nicht möglich, wenn ich nicht so einer wunderschönen Geschichte begegnet wäre. Ich wache morgens auf und danke Gott für das Wunder dieses Tages. Ich warte auch unter schwierigsten Umständen darauf, dass sich die Schönheit, die Hoffnung zeigt. Und es geschieht jeden Tag.“

Wie mit der Frau in der Cafeteria zum Beispiel. Eines Tages sagt ihm ein Freund, der auf seiner Station liegt, er habe Lust auf Lasagne. Capetti geht in die Cafeteria, um sie zu besorgen. Aber an dem Tag gibt es nur Spaghetti mit Muscheln. Er nimmt die, und als er bezahlen will, sagt die Frau hinter dem Tresen: „Die spendiere ich Ihnen. Das ist ja das Wenigste, was ich für sie tun kann.“ Nach ein paar Stunden kommt Capetti zurück mit einem Blumenstrauß. Die Frau ist ganz verlegen und meint: „Das wäre aber nicht nötig gewesen!“ Er erwidert: „Das ist Dankbarkeit. Genau das gleiche, was Sie heute Mittag bewegt hat. Und das Schönste, was es gibt.“

Manche Patienten werden nach dem Abstrich wieder nach Hause geschickt, wenn die Umstände es erlauben und sie sich dort isolieren können, bis das Ergebnis da ist. Am Wochenende übernimmt es Capetti gerne, bei ihnen anzurufen und ihnen das Ergebnis mitzuteilen. „Wenn man den Abstrich macht, entsteht innerhalb weniger Minuten eine Beziehung zu den Menschen. Es entsteht eine unerwartete Vertrautheit, die bleibt.“ Eines Tages ruft er die Mutter eines kleinen Jungen an. Der Abstrich war positiv und der Junge muss wieder ins Krankenhaus. Capetti erklärt sich bereit, den Sohn weiter zu betreuen. Auch dem Assistenzarzt, der damals mit ihm Dienst hatte, sagt er Bescheid. „Sobald er kommt, gehe ich hin und begrüße ihn“, erwidert der. „Wir kannten uns vorher gar nicht!“ Dieser Junge ist einer von den Patienten geworden, denen Capetti täglich ein Croissant bringt.

Morgens, wenn er ins Krankenhaus kommt, schreibt Amedeo Capetti die Namen seiner HIV-Patienten auf, die ihre Therapie bekommen müssten, fotografiert die Liste mit dem Handy und schickt sie seiner Frau. Die ruft jeden einzeln an und erklärt ihm, wo er seine lebensrettenden Medikamente bekommen kann, solange die Ambulanz des „Sacco“ geschlossen ist. Eines Morgens steht sie um halb sechs auf, um mit ihm frühstücken zu können. Mittags schickt sie ihm einen Abschnitt aus dem Text zum Seminar der Gemeinschaft. „Da ist mir das Herz aufgegangen“, sagt Capetti. „Das war die Zärtlichkeit Gottes. Genau wie Carrón gesagt hat: ‚Menschen, die Gottes Sieg, seine tatsächliche Gegenwart bezeugen‘. Das sind für mich auch die Gesichter meiner Freunde, die ich immer vor Augen habe und an die ich immer denke. Und dann die Schwestern der Cooperativa Martinengo, mit denen ich schon die ganze Zeit in Kontakt bin, um zu überlegen, was man für die Kinder des Tagesheims organisieren könnte. Ihre Freude und konstruktive Art sind ein ganz klares Zeichen für die Gegenwart Jesu. Das kommt nicht aus ihnen selbst.“

Jetzt, da es praktisch keinen Verkehr mehr gibt, reicht die Fahrt zum „Sacco“ gerade für das Morgengebet. „Dabei ziehen an meinem Herzen meine Familie, die Kranken und alle, die Not leiden, vorbei. So fange ich den Tag mit einer ganz anderen Gewissheit an. In diesen Tagen ist mein Gebet durchdrungen von Dankbarkeit und Neugier.“ Inwiefern? „Das ist so, als würde man nur den Schatten einer Person sehen und sich fragen, wie sie wohl sein mag. Als stünde ich jeden Morgen vor diesem Schatten und bäte darum, dass er sich ganz zeigt. Manchmal frage ich auch: Wer bist du, der du mein Leben so erfüllst? Das ist der Schrei, von dem Carrón in seinem Brief an die Bewegung gesprochen hat.“ Wenn „die Umstände so herausfordernd werden, dass wir zum Herrn schreien müssen, um uns ihnen stellen zu können“.

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