© Marco Cella

Mal sehen, ob ich das auch kann

Die italienische Regisseurin Elisa Fuksas ist in einem kirchenfernen Umfeld aufgewachsen. Inzwischen hat sie zum Glauben gefunden. Spuren hat sie erzählt, wie es dazu kam. Und wie es nun weitergeht: „Einfach leben“ – auch in schweren Zeiten.
Luca Fiore

Elisa Fuksas* setzt sich an den Tisch in der Bar im Zentrum von Rom und nimmt ihre Maske ab. Sie trägt eine elegante schwarze Jacke und passende Hose. Ihre Augen lächeln. Aber ihre ersten Worte gelten der Pandemie: „O Gott, dieses Corona! Hast du keine Angst?“

Sie ist jung, schön und entstammt einer berühmten Familie. Ihre Eltern, Massimiliano und Doriana Fuksas, sind weltbekannte Architekten. Elisa hat gerade ein neues Buch herausgebracht: Ama e fai quello che vuoi [Liebe und tu, was du willst]. Ihr Dokumentarfilm iSola wurde im September bei den Filmfestspielen von Venedig vorgestellt. Beide Werke handeln von ihrem Leben in den letzten drei Jahren. In dem Buch erzählt sie, wie sie als Tochter einer wohlhabenden Familie in Rom, liberal, politisch links eingestellt, Agnostikerin, (ziemlich) plötzlich den Weg zum Glauben fand und sich taufen ließ. iSola dokumentiert – nur mit dem Smartphone – ihren Alltag während des Lockdowns, nachdem kurz zuvor bei ihr ein Tumor in der Schilddrüse entdeckt worden war.

Die Welt bleibt stehen, und Elisa ist mit der Diagnose und ihrer Angst allein. Und dann kommt noch eine schlechte Nachricht: Bei einer sehr lieben Freundin, die in Mailand lebt, ist ebenfalls Krebs diagnostiziert worden. Elisa filmt ihren Alltag, ihre Gefühle, ihren Hund Stella. Im Hintergrund, das scheint durch, steht schon die Erfahrung des Glaubens. Eine Liebesgeschichte, die ihre Sicht auf sich selbst und die Welt verändert hat. Dabei hatte alles damit angefangen, dass eine Beziehung zerbrach. Während sie noch mit Giacomo zusammenlebte, fragte Luca, ein älterer Mann mit zwei Kindern, sie, ob sie ihn heiraten wolle. Sie antwortete: „Du hast es doch schon einmal versucht, und es hat nicht funktioniert.“ Aber er entgegnete: „Ich meine es ernst. Ich heirate dich auch in der Kirche.“ Und praktisch aus dem Nichts schoss es Elisa durch den Kopf: „Ich bin doch gar nicht getauft ...“ Mit diesem geheimnisvollen (und scheinbar so unbedeutenden) Moment beginnt unser Gespräch.

Woher kam dieser Gedanke?
Das wird mir erst jetzt langsam klarer. Ich glaube, es kam daher, dass ich mir schon seit einiger Zeit bestimmte Fragen stellte. Ich hatte gerade den Dokumentarfilm Albe – A Life Beyond Earth fertiggestellt, in dem ich von sieben Menschen in Rom erzähle, die glauben, Beziehungen zu Außerirdischen zu haben. Es sind einfache Menschen, für die es nicht gut gelaufen ist im Leben. Diese Visionen sind eine Art Ersatz für sie. Sie fühlen sich als Hüter eines großen Geheimnisses: Wir sind nicht allein im Universum. Heute sehe ich das auch als eine Form von Religiosität. Das Bedürfnis nach etwas, was diese Welt übersteigt. Das hat auch mich fasziniert. Während der Dreharbeiten lernte ich einen Priester aus Sardinien kennen, der ein bisschen sonderbar war. Als ich im zuhörte, kamen mir plötzlich die Tränen. Ich bekam Angst. Er fragte mich, wovor. Und ich antwortete: „Zu sterben.“ Darauf sagte er: „Lass dich taufen, dann wirst du keine Angst mehr haben.“ Das war lange, bevor Luca mich fragte, ob ich ihn heiraten wollte.

Aus dem Gedanken wurde Sehnsucht.
Ich googelte „Sinn der Taufe“, „Wie wird man katholisch?“, „Was muss man tun, um getauft zu werden?“, „Erwachsenen- Taufe“... Ich hatte keine Ahnung. Dabei stellte ich fest, dass die Evangelien Teil der Bibel sind. Dass das Hohelied auch ein sakraler Text ist. Verrückt. Eine unglaubliche Ignoranz. Sogar der Facebook-Algorithmus erkannte, dass sich bei mir etwas verändert hatte: Statt Werbung für Verhütungsmittel bot er mir Reisen nach Jerusalem und Papst-Bücher an.

In deinem Buch berichtest du von Begegnungen mit Kardinal Giuseppe Betori, dem Erzbischof von Florenz.
Er ist mit meinen Eltern befreundet. Das ist einer der Vorteile, wenn man die Tochter berühmter Leute ist. Inzwischen ist er auch mein Freund.

Er hat dich an Don Elia Carrai verwiesen, einen jungen Priester, mit dem dann eine wichtige Freundschaft entstand.
Ja. Das erste, was mir an ihm auffiel, waren die Vans an den Füßen und die modische Brille. Ich dachte, ein Priester könne keinen Hypster-Geschmack haben. Ich war voller Vorurteile.

Mit ihm hast du dann einen Weg begonnen.
Ja, wir haben uns getroffen und uns geschrieben. Wir haben viel gesprochen und diskutiert. Er empfahl mir ein paar Bücher. Ich erzählte ihm, was ich erlebte, wie ich es auch in dem Buch beschrieben habe: von meinem Ex-Freund, der sich in meinem Haus breit machte, von meiner Beziehung zu Luca und seinen Kindern, von der Erkrankung und dem Tod meiner Großmutter. Aber auch von meinen unbeholfenen Versuchen bei der Armenspeisung, oder wie ich die nächtliche Anbetung in den Kirchen Roms entdeckte. Irgendwann schrieb Don Elia: „Es geht nicht nur darum, Entscheidungen zu treffen, sondern auch, dass du in deiner Freiheit bereit bist, den Plan des Guten, den es in deinem Leben gibt, zu entdecken und ihm nachzugehen.“ Das habe ich versucht.

© Indiana Production/RAI Cinema

Bei einem Gespräch mit dem Kardinal sagtest du, deine fixe Idee sei es, „andere wirklich wahrzunehmen“. Was hat das mit dem Glauben zu tun?
Das ist eben mein Problem, aber ich glaube, es kommt recht häufig vor: Ich benutze andere gewissermaßen als Projektionsfläche für meine eigenen Gedanken. Ich gehe nicht auf Menschen zu, weil sie mich interessieren, sondern weil ich ihnen mein Ego überstülpen und mich, wenn ich sie sehe, in mich selbst verlieben kann. Als ich entdeckte, dass es Jemanden gibt, der uns dazu aufruft, wirklich zu lieben, war das eine unwiderstehliche Versuchung für mich. Irgendwann dachte ich: Mal sehen, ob ich das auch kann.

Du bist in einem kirchenfernen Umfeld aufgewachsen.
Ja, ich musste vieles ablegen. Ich hatte eine Menge Blockaden und Vorurteile in mir.

Welche?
Jeder hat seine eigene Geschichte. Ich habe meine. Und ich bin nicht nur ich selbst, sondern auch die Tochter von jemandem, der viel erreicht hat. Dann wird man immer mit jemand anderem in Verbindung gebracht und danach beurteilt. Die Leute meinen, sie wüssten bereits, wer man ist. Die Taufe bedeutete für mich, ein ganz neues Leben zu beginnen. Das heißt nicht, dass ich meine Herkunft verleugne, sondern dass ich eine andere Identität für mich in Anspruch nehme. Es ist schon seltsam, dass ich in der Kirche einen Raum der Freiheit gefunden habe. Das wäre der letzte Ort gewesen, an dem ich danach gesucht hätte.

Warum?
Wenn ich an den Konformismus meiner Freunde und der Welt, aus der ich komme, denke und dann mit Don Elia diskutiere, habe ich das Gefühl, ich hätte einen jungen Punk vor mir. Ich beneide ihn ein bisschen. Er hat eine Freiheit, die ich nicht besitze, und ich weiß nicht, ob ich sie jemals haben werde.

Was für eine Freiheit meinst du?
Anfangs habe ich mich, mit dem üblichen Voyeurismus dessen, der keine Ahnung hat, gefragt: War er jemals verliebt? Wie macht er das mit dem Zölibat? Etwas kindliche Fragen, die ich ihm dann trotzdem gestellt habe. Und er erzählte mir eine fast mittelalterlich anmutende Geschichte: eine so starke Erfahrung, wie ich sie mir nie erträumt hätte. Da gab es dieses Mädchen, das er nicht einmal angerührt hat ... Er sagte, wenn er weiter gegangen wäre, hätte er die ganze Beziehung auf Besitzen reduziert. Eine Liebe, in die man sich schon verliebt, wenn man nur davon hört. Ich war gerührt.

Warum beneidest du das?
Ich sage manchmal scherzhaft: Die wirklich „freie Liebe“ ist das, was die Kirche lehrt. Ich bin mit dem Bild von Beziehungen aufgewachsen, bei denen vorausgesetzt wird, dass sie nicht frei sind. Zwei Menschen sind zusammen und wollen im Grunde nichts voneinander. Sie akzeptieren nicht, dass es ein Austausch ist. Oh Gott, ich weiß nicht, ob man ein Kind in die Welt setzt dafür. Aber es ist so extrem, dass ich lebe, dass ich jetzt hier bin, denken, schreiben, lieben kann ... Und ich will in vollen Zügen leben. Bis ins Letzte. Und wenn ich dich liebe, dann nehme ich dich ganz an. Ich nehme deine Krankheiten an, deine Ängste, deine Kinder ... Ich nehme dich an, so wie du bist. Das ist ein heikles Feld und ich möchte niemanden verurteilen. Aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich sagen: Das scheint mir freier zu sein als das, was uns die bürgerliche Gesellschaft bietet.

Wie reagieren die Leute, wenn du sagst, du seist Christ geworden?
Ich hätte nie gedacht, dass es jemanden schockieren, aufregen, verletzen, beleidigen könnte. Oder auch enttäuschen. Es war seltsam. Manchmal auch lustig. Denn einige Freunde haben mich gefragt, ob ich in einer Krise sei, ob ich festgestellt hätte, dass mir als Kind etwas angetan wurde, ob ich „in einem Aschram“ gewesen sei ...

Und was sagst du dann?
Ich sage: „Nein, Leute, es ist einfach passiert.“ Das erregt Anstoß und Neid. Die nächste Reaktion ist dann: „Du Glückliche, du kannst glauben ...“ Als ob das leicht wäre, oder gar Probleme lösen würde. Letztlich lebe ich jetzt in gewisser Weise schlechter. Nicht, weil ich etwas verloren hätte. Ich habe mehr Instrumente, um die Welt zu verstehen. Doch jetzt erwarte ich, dass alles einen Sinn hat. Mein Leben ist viel aufgewühlter. Ich suche gar nicht mehr nach Antworten, weil die Fragen sich ständig verschieben. Aber ich suche nach einem Sinn. Und die Welt, unsere Gesellschaft ist eine harte Herausforderung in Bezug auf den Sinn.

Wenn es schwieriger ist, wo liegt dann der Vorteil?
Den hat es definitiv. Weil es in all dem Chaos jetzt eine Perspektive gibt. Und das gibt einem mehr Kraft. Jedenfalls lebe ich jetzt besser, weil ich jetzt stärker das Gefühl habe, im Leben zu stehen, in den Dingen. Gott lässt einen tiefer leben. Ich brauche die Verbindung zum Geheimnis, jeden Tag, und ich muss zu ihm zurückkehren können, wann immer ich will und kann. Neulich fragte mich bei einer Vorstellung meines Buches eine Dame: „Wie wollen Sie den Weg weitergehen? Haben Sie daran gedacht, Nonne zu werden?“ Ich antwortete: „Auf keinen Fall!“ Ich könnte niemals auf Stella, meinen Hund, verzichten. (Lacht.) Aber es amüsiert mich, dass die Frau mir diese Frage stellte. Denn meiner Meinung nach bedeutet den Weg weiter zu gehen, einfach zu leben. Auch wenn ...

Wenn was?
Meine Freunde sind nicht gläubig. Ich habe niemanden, mit dem ich darüber sprechen oder bestimmte Momente erleben kann. Ich habe mich oft gefragt, wann ich das mit jemandem teilen kann. Und dann bekam ich aufgrund dieses Buches Nachrichten von Menschen, an die ich nie gedacht hätte: Priester, Gläubige, Kranke. Eine Welt, die nicht die meine ist. Wenn ein Mädchen mir schreibt, dass sie beim Lesen meines Buchs einen Weg durchlebt hat, der dem meinen sehr ähnlich sei, dann wird mir klar, wie intensiv das ist, was ich erzählt habe. Nicht, weil ich es war, sondern weil die Tatsache als solche große Kraft hat. Eine Geschichte verbindet, in einer Wirklichkeit, die uns sonst eher auseinanderbringt. Ich dachte, ich müsste mir Glaubensgenossen suchen. Aber mir scheint, am Ende ist es umgekehrt: Die kommen zu mir. Ich staune über dieses Wunder. Es ist ein Abenteuer, von dem ich nicht weiß, wohin es mich führen wird. Wenn ich meine, es verstanden zu haben, dann kommt eine Art Einsicht, die mich aus der Bahn wirft, und ich muss von vorne anfangen.

In dem Buch sagst du, du hättest den Religiösen Sinn gelesen. Wie Don Giussani das Staunen erklärt, habe dich beeindruckt.
Er hat die Fähigkeit, etwas menschlich zu beschreiben, was übermenschlich ist. Er erklärt, dass man sich Jesus nähern kann wie einem Menschen, in den man sich verliebt. Das hat mich neidisch gemacht. Giussani schlägt eine Liebe vor, die sich immer wieder erneuert dank des Staunens. Wir erleben doch alle das Gegenteil: Die Dinge entstehen, leben und am Ende sterben sie. Das Gesetz der Entropie. Die Liebe zu Jesus dagegen überwindet die Naturgesetze. Das suche ich in auch in meinen Beziehungen. So möchte ich mich verlieben. Nicht weniger. Das ist schwer. Es ist eine riesengroße Aufgabe.

In dem Film über deinen Lockdown erklärst du, der habe deinen Glauben auf die Probe gestellt. In welchem Sinne?
Das war ein Test, den ich mir auferlegt habe. Wenn alles gut geht, ist es im Grunde leicht zu glauben. Man lebt sein Leben und fügt einfach noch eine zusätzliche Ebene hinzu, die religiöse. Aber so darf es nicht sein. Ich habe mich gefragt: Hält dein Glaube einer so schwierigen Situation stand?

Woran hast du gemerkt, dass du den Test bestanden hast?
Anstatt zu hassen, zu fluchen und zu fragen: „Warum ich?“, habe ich mir gesagt: „Okay, wenn die Dinge so stehen, dann bedeutet das, dass ich etwas erkennen, eine andere Dimension von mir entdecken muss, um da herauszukommen – oder eben nicht.“

Und was hast du erkannt?
Leiden und Tod haben mir immer Angst gemacht. Aber in dem Moment war der Tod keine abstrakte Idee mehr. Ich musste mit ihm rechnen. Und das sind ja auch zentrale Aspekte des Christentums. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass ich eine Religion gewählt habe, die auf der Auferstehung gründet.

Sowohl das Buch als auch der Film enden mit den Worten: „Ich habe immer noch Angst vor dem Sterben. Ich habe immer noch Angst zu leben. Aber jetzt vielleicht ein bisschen weniger.“ Was heißt „ein bisschen weniger“?
In der Osternacht 2019 habe ich die Taufe empfangen, bei der, wie man sagt, der alte Mensch in einem stirbt. Genau 365 Tage später musste ich mich einer Krebsoperation unterziehen. Ich dachte: „Letztes Jahr bin ich einen symbolischen Tod gestorben. Und dieses Jahr? Sterbe ich diesmal wirklich?“ Als ich in mein Krankenzimmer kam, sah ich das Kreuz an der Wand. Zum ersten Mal sah ich es nicht als Teil des Mobiliars, als Symbol oder Zeichen eines Aberglaubens, sondern als die beiden Achsen eines Koordinatensystem, die einen neuen Raum bilden. Durch diese andere Ordnung, mit der ich begonnen hatte, die Dinge zu betrachten, wurde mir klar, dass ich mich verändert hatte. Ich bekam Lust, auf das, was mich erwartete, zuzugehen mit einem etwas verrückten Enthusiasmus. Das ist der Vorteil, von dem wir vorhin gesprochen haben. In gewisser Weise versetzt einen diese Vertrautheit mit dem Leben in einen anderen Zustand. In diesem „ein bisschen weniger“ steckt diese winzige Quantität, dieses Reiskorn, dieses Quäntchen, das mich sagen lässt: Alles in allem habe ich es gut gemacht.

*Elisa Fuksas (geboren 1981 in Rom) ist Regisseurin und Autorin. In Italien sind von ihr erschienen: La figlia di [„Die Tochter von“] (2014), Michele, Anna e la termodinamica [„Michele, Anna und die Thermodynamik“] (2017) und Ama e fa quello che vuoi [„Liebe und tu, was du willst“]. Als Regisseurin hat sie Filme und Dokumentarfilme gedreht: Nina (2013), Albe – A Life Beyond Earth (2018), The App (2019) und iSola (2020).