MUTTER THERESA SCHWESTERN: MISSIONARINNEN DER NÄCHSTENLIEBE

Sie klopfen hier an, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Es sind Minderjährige die schwanger geworden sind, Mittellose, Drogenabhängige.
Paola Bergamini  

Wir haben einen Tag mit den Missionarinnen der Nächstenliebe in Mailand verbracht und erlebt, wie sie junge Mädchen aufnehmen und Armen eine warme Mahlzeit bereiten. Wir sprachen mit den freiwilligen Helfern, beteten mit den Schwestern, schälten Kartoffeln für die Speisung der Obdachlosen. So erlebten wir eine Präsenz, die die Menschen nicht allein lässt.

„Komm und sieh es dir an. Du kannst uns bei der Arbeit helfen. Die Messe ist um sieben.“ Schwester Mary Mercy war am Telefon sehr klar gewesen. Am nächsten Tag stehe ich vor dem Tor des kleinen Hauses der Missionarinnen der Nächstenliebe in der Via Zendrini 15, an der Peripherie von Mailand. Und mir kommt unvermeidlich in den Sinn: „Kommt und seht.“ Auch wenn ich schon an anderer Stelle, in einer anderen Stadt gesehen habe, wie diese Schwestern den Ärmsten helfen. Eigentlich dachte ich, es reicht, wenn ich beschreibe, was sie tun. Aber als ich die vier Schwestern bei der Messe erlebe, in diesem kleinen Raum, der als Kapelle dient, gibt es doch mehr zu sehen. Mehr zu erzählen. Etwas, das allem anderen vorausgeht.

In den Räumlichkeiten, die die Stadtverwaltung ihnen 1999 zur Verfügung gestellt hat, um schwangere Mädchen von der Straße aufzunehmen, ist alles sehr sauber, ordentlich, einfach. Manchmal schickt das Sozialamt die Mädchen, manchmal kommen sie selber, weil jemand ihnen davon erzählt hat. Nach der Messe wird im unteren Stockwerk gefrühstückt. Nach und nach kommen die sieben Mädchen, die zur Zeit hier Gast sind, in den Speisesaal. Einige sind Italienerinnen, die anderen aus unterschiedlichen Ländern. Alle sind sehr jung. Während wir die Treppen hinuntergehen, erklärt Schwester Mary Mercy: „Anfangs sind sie immer sehr verwirrt, oft wissen sie nicht einmal, wer der Vater ihres Kindes ist. Sie fürchten sich davor, Mutter zu werden. Einige haben auch an Abtreibung gedacht. Sie haben niemanden. Wenn sie hierher kommen, bedeutet das für sie, ihr früheres Leben aufzugeben. Und das ist nicht leicht.“



Kartoffeln und Rosenkranz. Schwester Nestina bringt Kaffee, Milch, Zwieback und erkundigt sich bei einem der Mädchen, wie die Ultraschalluntersuchung war. Eine andere erinnert sie an einen Arzttermin. Sie plaudern, lachen und nehmen sich gegenseitig auf den Arm. Über ihre Vergangenheit wollen sie nicht sprechen, aber es kommen Erinnerungen an die Zeit vor der Schwangerschaft hoch. Vor allem an ihre Ursprungsfamilie. „Mein Sohn wird so heißen wie mein Vater. Bei uns ist das Tradition.“ „Bei mir zu Hause hat es jetzt Minus zwanzig Grad. Aber es ist schön dort.“ Manchmal sind es auch traurige Gedanken: „Das ist meine zweite Schwangerschaft. Der andere Sohn ist in einer Pflegefamilie. Es geht ihm gut. Wenn ich kann, gehe ich ihn besuchen.“ Eine von ihnen, die aus Osteuropa kommt, hat monatelang unter den Arkaden im Zentrum von Mailand geschlafen. Bis eine Freiwillige auf sie aufmerksam wurde und sie zu den Schwestern schickte. Heute wird sie zu ihrer letzten Kontrolluntersuchung gehen: Es fehlen nur noch wenige Tage bis zur Geburt. Eines Abends hatte es spät noch geläutet. Vor der Tür stand ein Mädchen aus Südafrika, mit einer Plastiktüte in der Hand. Darin war alles, was sie besaß. „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll.“ Schwester Nestina schaute sie an und sagte: „Bist du gestern abgehauen? Gut gemacht.“ „Wirklich, Schwester?“ Sie lächelte schüchtern. Für diese Mädchen gibt es nur diese Gegenwart, wo sie zur Ruhe kommen und glücklich sind, wie sie es vielleicht nie waren, indem sie alltägliche Dinge tun. Sie erleben hier die Freude, die sich auch in den Gesichtern der Schwestern spiegelt. Eine von ihnen sagt, nachdem die Schwester weg ist: „Hier bin ich endlich in Frieden. Ich brauche keine Angst zu haben.“ Sie brauchen sich nur um das Leben zu kümmern, das sie im Schoß tragen, wie jede andere Mutter.

Ist das Frühstück beendet, wird abgeräumt. Einige gehen wieder hoch, um ihre Zimmer aufzuräumen und sauber zu machen, andere verlassen das Haus. „Wir fragen nicht, wohin sie gehen, wen sie treffen. Wir erwarten nur, dass sie sich für das Mittagessen eintragen und dass sie pünktlich sind.“ Doch irgendwann, beim Putzen oder in einer Pause, vertrauen sich die meisten den Schwestern an. „Es kann sein, dass sie alte Freunde wieder getroffen haben und sich Sorgen machen“, sagt Schwester Mary Mercy. „Oder eine sieht immer die gleiche Nummer auf ihrem Handy und weiß nicht, ob sie rangehen soll. Sie bitten uns um Rat. Wir werden zu Müttern, Freundinnen, Schwestern. Wir hören ihnen zu und beten für sie. Für alles andere ist der Herr zuständig. Wir hoffen, dass sie erkennen, dass man seine Probleme nicht alleine zu tragen braucht, wenn man auf Jesus schaut. Ein Opfer ohne Liebe erdrückt einen, es wird zur reinen Pflicht, vor der man früher oder später kapituliert.“



In der Küche wird derweil das Mittagessen vorbereitet, und der Rosenkranz gebetet. Ein paar der Mädchen haben das „Ave Maria“ gelernt, das sie vorher nicht kannten. Andere beten in ihrer eigenen Sprache. Jeder ein Gesätz. Eine schält Karotten und Kartoffeln. Schwester Nestina geht zu ihr und sagt leise, sie solle sich setzen und auf sich aufpassen. Das Mädchen lächelt: „Machen Sie sich keine Sorgen, Schwester.“ Während das Rosenkranzgebet weitergeht, werden die Speisen auf Schüsseln verteilt. Schneller und effizienter wäre es, gleich die Töpfe auf den Tisch zu stellen ... Schwester Nestina sagt kategorisch: „Diese Frauen haben nichts, man muss ihnen würdig dienen. Mit Aufmerksamkeit.“ Blickt man ihr ins Gesicht, sieht man gleich, dass sie einem Anderem dient. Und wer kümmert sich um den Nachschub an Lebensmitteln? „Die göttliche Vorsehung hat es uns nie an etwas fehlen lassen.“ Einmal kommt eine Kiste Obst oder Gemüse, ein anderes Mal ist ein Briefumschlag mit Geld in der Post. Heute gibt es Fisch und Polenta. Nichts wird weggeschmissen oder verschwendet.

Nachdem der Rosenkranz beendet ist, geht man zu Tisch. Jede hat ihre Serviette und ihren Serviettenring. Vor dem Essen wird ein Tischgebet gesprochen. Dann erzählen sie sich, was sie am Vormittag gemacht haben. Ein Mädchen fehlt. „Sie kommt noch, Schwester! Heben wir ihr die Polenta auf, die mag sie gerne. Den Fisch nicht.“

Nachmittags geht das Putzen weiter, man räumt weiter auf, die Vorhänge an den Fenstern werden abgenommen. Einen Fernseher gibt es nicht. Braucht es auch nicht. In der Kleiderkammer zeigt Schwester Efrem uns die Kleidung für Neugeborene, die ihnen eine Dame geschenkt hat.  „Es sind alles neue Sachen. Dieses Mützchen ist handgemacht. Schön, nicht?“ Wunderschön! Die Schwester faltet und ordnet die Sachen mit derselben Sorgfalt, die ich vorher in der Küche beobachtet habe und beim Putzen. Dann kommt wieder ein Teil des Stundengebets, zu dem alle Mädchen, die wollen, kommen können.  Schwester Mary Mercy erklärt: „Bei den Fürbitten beten sie vor allem für sich und auch für Verwandte und Freunde. Der regelmäßige Tagesrhythmus verändert ihr Leben. Er schafft Ordnung und hinterlässt Spuren der Hoffnung.“ Auch für die Zeit nach der Geburt, wenn sie das Haus in der Via Zendrini verlassen. „Wir versuchen ihnen auf jede Art zu helfen. Einige schicken wir in unser Haus in der Via Forze Armate.“ Um 19.30 Uhr wird das Tor geschlossen. Aber es ist noch nie eine zu spät gekommen.

Eine Stunde auf Knien. Am nächsten Tag gehe ich in die Via Forze Armate 379, in Baggio, einem Viertel am Rand von Mailand. Hier sind die Missionarinnen der Nächstenliebe schon seit dreißig Jahren. In diesen Räumen ist schon Mutter Teresa gewesen. Schwester Maria Saveria begrüßt mich: „Wir haben jetzt Anbetung.“ Eine Stunde in Stille, zusammen mit sieben Schwestern, auf den Knien. Auch hier gibt es einen kleinen Raum, der als Kapelle dient. Einige lassen den Rosenkranz durch die Finger gleiten. Ihr Blick ist auf den Altar gerichtet. Ich habe den Eindruck, dass diese Stunde ihnen die Kraft gibt für alles, was sie tun. Die Zeit scheint still zu stehen und erfüllt zu sein.



Anschließend singen wir die Mittagshore (alles auf Englisch). Dann gehen die Schwestern wieder an ihre Arbeit. Im Hof spielen die Mütter mit ihren Kindern, die in einem anderen Flügel des Hauses wohnen. Schwester Maria Saveria begrüßt alle, räumt Spielsachen auf und erklärt: „Diese Frauen haben keinen Ort, wohin sie gehen könnten. Sie haben nichts mehr. Oft werden sie von den Gerichten geschickt, oder sie klingeln einfach an der Tür. Normalerweise blieben sie drei Monate, aber wir schicken sie nicht weg, bevor wir nicht eine geeignete Unterbringung für sie gefunden haben. In den Räumen dahinten nehmen wir alleinstehende Frauen auf; einige von ihnen haben psychische Probleme.“ Sie gehören verschiedenen Nationalitäten und Religionsgemeinschaften an.

Der schönste Bräutigam
. Es klingelt. Die Leute fragen nach Unterwäsche, oder nach den Uhrzeiten der Ambulanz, oder sie wollen einfach reden. Celso ist Arzt, mittlerweile in Rente. „Seit zwanzig Jahren mache ich zweimal die Woche mit Kollegen hier die Sprechstunde, behandle die Leute und gebe Medikamente aus. Mit den Schwestern sind oft nicht einmal Worte nötig. Man braucht nur kurz innezuhalten und sie anzuschauen, um zu verstehen, wem man hier dient. Jede Art Aktivismus ist hier überflüssig.“

Bei der Armenspeisung, nur für Männer, werden jeden Tag hundertfünfzig Teller ausgegeben. In der Küche muss ich erst ein Plätzchen suchen, wo ich nicht im Weg stehe. Außer den Schwestern gibt es nämlich noch zehn freiwillige Helfer, Männer und Frauen mittleren Alters, einige sind schon in Pension. Aldino erzählt, während er Öl in einen Topf gießt: „Ich komme seit 17 Jahren, jeden Tag. In den Schwestern sehe ich die menschgewordene Liebe. Sie haben ja auch, um es mal so zu sagen, den schönsten Bräutigam. Sie sagen mir: ‚Denk an mich, wenn du betest‘.“ Giovanni kommt hinzu: „Sie haben eine Kiste Petersilie geschenkt bekommen. Schwester Antilla meint, wir sollen Pesto daraus machen. Mal was Neues. Hier wird nichts weggeworfen.“ 2012 ging die Firma von Roberto pleite. Er saß zuhause und hatte zu viel Zeit. Da beschloss er, die Schwestern von Mutter Teresa anzurufen. „Nach dem ersten Mal habe ich nicht mehr aufgehört. Hierher zu kommen, gibt meinem Glauben Kraft. Diese Schwestern haben mein Herz erobert.“ Benedetto ergänzt: „Sie ziehen uns mehr an als die Armen. Wir erleben hier etwas, das uns gut tut.“ Schwester Antilla beginnt, den Rosenkranz zu beten. Wie in der Via Zendrini betet auch hier jeder ein Gesätz. Alles hat seine Ordnung, jeder respektiert sie.



Draußen unter dem Vordach füllen Severino und seine Frau einen Topf mit Hühnerschenkeln. „Uns ging es immer gut im Leben. Wir hatten keine großen Probleme. Hierher zu kommen bedeutet für uns, auch etwas von dem zurückzugeben, was wir bekommen haben. Diese Schwestern sind wunderbar. Sie haben nichts und doch alles, nämlich das, was einem wirklich nützt.“

Sonntags im Gefängnis.
Der Speisesaal füllt sich langsam. Die Schwestern und ein paar der Freiwilligen unterhalten sich mit den Gästen. Schwester Maria Saveria erklärt: „Für das Mittagessen am Sonntag kommen immer Gruppen von freiwilligen Helfern. Mit denen, die möchten, treffen wir uns einmal im Monat zu Messe, Rosenkranz und Schriftlesung. Das ist ein wichtiger Moment, wir lernen auch von ihnen.“ Sonntags gehen einige Schwestern in das Gefängnis von Novara. Sie gestalten die Messe mit und sprechen mit den Häftlingen. „Oft sind wir einfach nur da“, meint Schwester Maria Saveria.  „Einige der Insassen weinen, nehmen unsere Hände und sagen: ‚Ich habe einen Fehler gemacht.‘“

Um 18 Uhr wird gebetet und dann gegessen. Vor dem Tor stehen auch noch Menschen: Betrunkene, Drogenabhängige, solche, die nicht hereinkommen konnten. Für sie haben die Schwestern Tüten vorbereitet. Keiner geht mir leeren Händen davon. Einer der Gäste sagte einmal zu Schwester Callista: „Wer sind meine Brüder und meine Schwestern? Ihr.“ Da kamen ihr die Tränen.