10 JAHRE FACEBOOK: KNOTEN IM NETZ

Barack Obama meint, Facebook sei nicht mehr cool. Doch die Erfindung von Mark Zuckerberg, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiert, beeinflusst inzwischen das Leben von 1,2 Milliarden Menschen.
Mattia Ferraresi

Facebook beeinflusst die Auffassungen von Freundschaft, Beziehungen, das Selbstwertgefühl seiner Nutzer ... Und wirft Fragen auf, denen man sich stellen sollte.

Was Facebook ist, hat der Gründer Mark Zuckerberg selbst am besten umschrieben: „Facebook ist wie der elektrische Strom.“ Die strukturelle Voraussetzung für das Funktionieren fast aller Dinge ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass niemand mehr über die revolutionären Auswirkungen der Elektrizität und deren unendliche Anwendungsmöglichkeiten nachdenkt. Genau so ist es mittlerweile mit sozialen Netzwerken wie Facebook.

Der Gründer des Unternehmens in Menlo Park, Kalifornien antwortete mit diesem Beispiel auf die Bemerkung von Barack Obama, der hinter den Kulissen gesagt hatte, Facebook sei nicht mehr cool, und dabei von einem Journalisten belauscht worden war. „Wahrscheinlich war der Strom cool, als er zum ersten Mal in die Häuser kam“, kommentierte Zuckerberg. „Doch schon bald sprachen die Menschen nicht mehr darüber, weil es nichts Neues mehr war. Die richtige Frage lautet: Gibt es Menschen, die kein Licht mehr einschalten, weil der Strom nicht mehr cool ist?“

Der Rahmen.
Facebook ist vielleicht nicht mehr das Allerneuste, doch es ist mehr denn je ein wesentliches Instrument der Kommunikation. Drei leitende Angestellte von Facebook hat Spuren interviewt (die alle anonym bleiben wollen, aus „firmenpolitischen Gründen“ – eigentlich ein Widerspruch bei einer Firma, die davon lebt, dass alle ihr Innerstes nach außen kehren). Sie haben versucht, uns das Phänomen zu erklären, das die Art, wie Millionen von Menschen kommunizieren so radikal verändert hat. Facebook sei eine Art „Infrastruktur“ oder ein „Gerüst“ für das Netz. Es sei eine Struktur, die „einen Rahmen bieten will, in dem sich die Nutzer bewegen können, indem sie unterschiedliche Sprachen und Mittel benutzen“. Es ist also falsch, Facebook als ein bestimmtes soziales Umfeld zu sehen, das sich ins Netz verlegt hat. Seine Stärke besteht eben darin, dass es „eine Voraussetzung ist, ein Umfeld innerhalb aller Umfelder“.

Dass nach zehn Jahren immer weniger über Facebook gesprochen wird oder die Statistiken angeblich zeigen, dass die Teenager sich von der Plattform abwenden (was von Facebook übrigens bestritten wird), werten die Manager als positiv. Es bedeute, dass die Struktur heute zu einem selbstverständlichen Bestandteil der digitalen Welt geworden sei, zumindest für über eine Milliarde Nutzer. In zehn Jahren ist aus dem Revolutionären der sozialen Netzwerke ein selbstverständliches Medium des Alltags geworden. Und genau deshalb muss man sich anlässlich des zehnten Geburtstages ein paar Gedanken machen.

Mark Zuckerberg

In seiner Botschaft zum 48. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel spricht Papst Franziskus vom Internet als einem „Geschenk Gottes“. Es gebe jedoch auch „problematische Aspekte“ dessen, was inzwischen längst nicht mehr revolutionär ist, sondern eine Tatsache. „Die Geschwindigkeit der Information übersteigt unsere Reflexions- und Urteilsfähigkeit und gestattet es nicht, dass wir uns in abgewogener und rechter Weise ausdrücken“, schreibt der Papst. „Wir müssen einen gewissen Sinn für Langsamkeit und Ruhe wiedergewinnen. Das verlangt die Zeit und die Fähigkeit, Stille zu schaffen, um zuzuhören. Wir brauchen auch Geduld, wenn wir denjenigen verstehen wollen, der anders ist als wir: Der Mensch bringt sich selbst vollständig zum Ausdruck nicht dann, wenn er einfach toleriert wird, sondern wenn er weiß, dass er wirklich angenommen ist.“ Papst Franziskus weist auf den deutlichen Unterschied zwischen Vernetzung und Begegnung hin, die nicht gleichzusetzen sind. „Es genügt nicht, auf digitalen ‚Wegen‘ zu gehen, einfach vernetzt zu sein: Die Verbindung durch das Netz muss begleitet sein von einer wirklichen Begegnung. Wir können nicht allein leben, in uns selbst verschlossen. Wir haben es nötig, zu lieben und geliebt zu werden. Wir brauchen liebevolle Zuneigung.“

Gemeinsam einsam.
Geschwindigkeit, abgewogene und rechte Ausdrucksweise, Geduld, Annehmen, Verbindung, Begegnung, das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden: Ein social network mit seiner verbindenden Kraft und dem Risiko der Reduktion der Beziehungen auf einen bloßen Kontakt stellt für all diese Kategorien eine Herausforderung dar. Man denke nur an die Entwicklung, die Wörter wie „Freund“ oder „Teilen“ durchgemacht haben, die eigentlich Tragpfeiler der Beziehungsstruktur sind, die den Menschen konstituiert. Das „Teilen“ droht zu einem unendlichen Strudel aus Aktualisierungen der eigenen Befindlichkeit, Kommentaren, raschem Überfliegen, feeds, tags und selfies zu werden. Die Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern (Riemann Verlag, München 2012). Darin beschreibt sie, wie wir das Gespräch einem einfachen Kontakt geopfert haben, einer verkümmerten Beziehung, in der der andere – um wieder das Vokabular des Papstes zu gebrauchen – von einer Person zu einer bloßen „Verbindung“ im Netz verkommt. Diese Dynamik wird von einem der drei jungen Marketingexperten, mit denen Spuren gesprochen hat, so umschrieben: „In Wahrheit kenne ich nicht einmal die Kollegen aus meinem Team. Wir kommunizieren jeden Tag, tauschen unentwegt Informationen aus, aber das einzige, was ich von ihnen kenne, ist ihr Facebook-Profil, das wir auch als interne Kommunikationsplattform nutzen. Persönlich kenne ich keinen von ihnen.“

Neben dem Problem der verkümmerten Beziehungen bleibt auch die Frage, wie man inhaltlich auswählt in diesem Meer von Informationen. Facebook bietet Kriterien an, um neue Freunde auszusuchen, schlägt Inhalte vor aufgrund unserer Vorlieben, gibt Kommunikationswege vor und steuert so die Erfahrung von Milliarden von digitalen „Ichs“, die sonst verloren wären. Manche befürchten, dieses gezielte Aufgleisen der Anwender hin zu ihnen genehmen Kontakten und Aktivitäten, also solchen, die mit ihrem Profil übereinstimmen, führe dazu, dass im digitalen Raum alles, was unangenehm oder nicht unmittelbar befriedigend sei, ausgegrenzt wird.

Her, der jüngste Film von Spike Jonze (ab 27. März 2014 in deutschen Kinos), zeigt, was der „selektive“ Charakter einer Maschine für extreme Konsequenzen haben könnte. Die Hauptfigur verliebt sich in die Stimme eines Betriebssystems, das auf perfekte und dynamische Kompatibilität mit den Bedürfnissen des Anwenders programmiert ist. Hier wird vielleicht zum ersten Mal die Idee einer völlig personalisierten Utopie (oder besser Anti-Utopie) in einem Film umgesetzt. Es gibt keinen „Großen Bruder“, der alles von einer Kommandozentrale aus kontrolliert und beherrscht, sondern eine subtile Software, die die Inputs eines individuellen Anwenders aufnimmt und ihr Programm entsprechend anpasst. Jeder Anwender kann mit einem Klick auf seine höchst persönliche Utopie zugreifen.

Eine dritte Überlegung betrifft das Engagement, das eine Beziehung immer mit sich bringt. Wie hat Facebook den in einer Beziehung erforderlichen Bindungsgrad verändert? Etwas Lustiges auf die Pinnwand des Freundes zu schreiben oder ein Bild zu kommentieren ist weit weniger verbindlich, als ein Gespräch, ein Anruf, oder auch nur eine SMS zu schreiben, was viel persönlicher ist. Einer unserer Gesprächspartner bei Facebook erklärt: „Ich glaube, dass die Beziehungen sich radikal verändert haben, doch das war auch durch das Telefon oder das Fernsehen so. Das Risiko besteht, dass Beziehungen oberflächlicher und leerer werden oder Wissen zum Klatsch verkommt. Aber gibt es das nicht auch im ‚wirklichen‘ Leben? Die Stärke von Facebook liegt darin, dass man mit Personen in Kontakt treten kann, die man kaum kennt oder aus den Augen verloren hat, wie Schulkameraden zum Beispiel. Nichts kann uns aber davon abhalten, echte Beziehungen aufzubauen.“



Natürlich drängt sich auch die Frage nach der Neutralität des Kommunikationsmittels auf, die für soziale Netzwerke immer zentraler wird. Wenn sie immer mehr zu einem Rahmen werden wollen, den man nach Gutdünken füllen kann, ein leeres Blatt sozusagen, auf dem man sein digitales Leben skizzieren kann, dann müssen sie neutral und vertrauenswürdig sein. Auch dazu findet Papst Franziskus klare Worte: „Die Neutralität der Medien ist nur scheinbar: Nur wer in die Kommunikation sich selbst einbringt, kann einen Orientierungspunkt darstellen. Das persönliche ‚Sich-einbringen‘ ist die Wurzel der Vertrauenswürdigkeit eines Kommunikators. Gerade deshalb kann das christliche Zeugnisgeben dank des Netzes die existentiellen Peripherien erreichen.“ Das bedeutet, die Person ist die Gegenwart, welche die Infrastruktur mit einer Identität füllt und einen alles andere als automatischen Übergang von „Kontakt“ zu „Begegnung“ vollzieht. Das macht am Ende den Unterschied.

Neue Fragen. Vor zehn Jahren hat ein junger Mann in einem inzwischen berühmt gewordenen Wohnheim in Harvard die Plattform entwickelt, die all diese Fragen aufwirft. Und noch viel mehr, je ausgeklügelter und weitreichender das Netz wird. Heute ist Facebook an der Börse notiert, hat 1,2 Milliarden Nutzer und einen geschätzten Wert von 130 Milliarden Dollar. Seinen Gewinn macht es durch den Verkauf von Daten, die die Nutzer kostenlos zur Verfügung stellen. Ebenso kostenlos ist auch die Möglichkeit, unentwegt mit allen in Verbindung zu treten. Dadurch laufen wir Gefahr, die Fragen, die das digitale Leben aufwirft, letztlich gar nicht mehr zu stellen. Facebook ist tatsächlich so selbstverständlich geworden wie der elektrische Strom.