Gio Ponti: Ein lebendiges Haus

Vierzig Jahre nach dem Tod des bedeutenden Architekten ein Blick auf seine Art, die Domus, „den Ort für uns“ neu zu gestalten. Und die Seele einer Stadt.
Giuseppe Frangi*

Am 15. Januar 1928 wurde ein Wort aus einer alten und sehr fernen Geschichte plötzlich zu einem modernen Wort, „Domus“: Das war der klassische Prototyp des römischen Hauses. Aber Domus war auch die Zeitschrift, die an diesem Tag auf Initiative des 37-jährigen Architekten Giovanni Ponti, bekannt als Gio, und des 60-jährigen Barnabiten Pater Giovanni Semeria herausgegeben wurde. Trotz des lateinischen Namens verdeutlichte der Untertitel die Absichten der Herausgeber: „Architektur und Ausstattung des modernen Hauses in der Stadt und auf dem Land“. Im Laufe der Jahre wurde sie zu einer der bedeutendsten Architekturzeitschriften der Welt. Was uns aber dabei interessiert, sind die Gründe, weshalb beide dieses Wagnis eingegangen sind. Am 40. Todestag von Gio Ponti (er starb am 16. September 1979) gibt es keinen besseren Weg, seine Größe und Menschlichkeit wiederzuentdecken, als auf diesen Beginn zu schauen.

Die erste Ausgabe der Zeitschrift war elegant und gleichzeitig schlicht in der Aufmachung. Ponti hatte natürlich den Leitartikel verfasst. Es war der Text, der seine Geschichte kennzeichnen sollte: Der Titel war „La casa all'italiana“. Es waren Jahre, in denen auch Italien mit dem ersten Schub des modernen Städtewandels konfrontiert wurden. Den Architekten und den Barnabiten Pater bewegte zunächst die Sorge, dass sich diese Entwicklung nicht in eine Gleichschaltung verwandelte, in die Zerstörung eines Wohnmodells, das seit Jahrhunderten ein Faktor der Zivilisation und des Gemeinschaftslebens war.

In Frankreich hatte der große Le Corbusier die Idee entwickelt, das moderne Haus als „Maschine à habiter“ zu konzipieren, als „Wohn-Maschine“, das heißt als ein Ort, der rational auf die Bedürfnisse des Lebens des neuen Protagonisten der kollektiven Geschichte, des Stadtmenschen, antworten sollte. Man kann sagen, dass Domus entstand, um diese Herausforderung anzunehmen und einen anderen Weg vorzuschlagen. So schrieb Gio Ponti im Leitartikel der ersten Ausgabe: „Der so genannte ‚Komfort‘ besteht nicht nur im italienischen Haus in der Übereinstimmung der Dinge mit den Bedürfnissen, den Bequemlichkeiten unseres Lebens und der Organisation der Dienstleistungen. Der ‚Komfort‘ liegt in etwas Höherem: Er besteht darin, uns mit der Architektur ein Maß für unser eigenes Denken zu geben, uns mit ihrer Einfachheit eine Gesundheit für unsere Bräuche zu geben, uns mit ihrer breiten Akzeptanz das Gefühl eines selbstbewussten und vielfältigen Lebens zu geben.“

Es ist ein Hauskonzept aus einer bestimmten Tradition, das nun seine eigene Konfiguration in einem neuen Kontext finden musste, ohne seine Natur zu verraten. „Vom Haus aus kann man eine Stadt verstehen“, das war nicht zufällig der Titel eines Treffens, das anlässlich eines Symposiums des „Kulturzentrum Mailand“ stattfand. Hauptredner war Fulvio Irace, einer der größten Kenner nicht nur von Gio Ponti, sondern auch von jener außergewöhnlichen Generation von Architekten.

Die Domus Julia, Carola und Fausta in Mailand, via De Togni (1931-1933).



Die Grundidee besteht darin, dass das Haus als ein Faktor verstanden wird, der sich auf die Umgebung ausbreitet und somit die Merkmale und Kultur einer Stadt einbezieht. „Niemandem ist es besser gelungen, den Geist von Mailand zusammenzufassen, seine Stimmungen einzufangen, sein Streben nach Modernität zu steigern und gleichzeitig die Ambitionen der besten Bourgeoisie auf eine Authentizität des Ausdrucks auszurichten, als Gio Ponti“, so Irace. Ponti hatte die Herausforderungen der aufstrebenden bürgerlichen Geschäftswelt im Blick, die wesentlich für die Entwicklung einer führenden Stadt wie Mailand war. Es war eine moderne, städtische, dynamische Schicht, weltoffen, aber zugleich bestand sie aus Unternehmern, die ihre Stärke in der familiären Struktur fand. Und so dachte er, dass das neue Modell eines Hauses eine Synthese all dieser Faktoren bilden sollte. So wurde auch Domus bald von einem jungen Repräsentanten dieses neuen Bürgertums übernommen, der die Geschichte Mailands prägen sollte: Gianni Mazzocchi, ein brillanter Verleger aus Ascoli, der die Zeitschrift zum internationalen Erfolg führte.

„Werden wir in der Lage sein“, schrieb Gio Ponti einige Jahre nach der Gründung von Domus, „ein modernes Haus zu bauen?“ , ein Haus, das aus den alten Häusern „die ewigen geistigen und philosophischen Gewohnheiten, aber nicht die Formen“ übernimmt; Häuser, die diese Geschichte fortsetzen, aber „in unseren neuartigen Formen“. Während sich das Modell der Industriegesellschaft in Richtung Standardwohnungen bewegte, ging es für Ponti darum, der Idee „eines Hauses ‚mit uns‘, ein lebendes Haus“ treu zu bleiben. Das heißt ein Haus, das in seiner Gestalt durch die Gedanken und Gefühle desjenigen geprägt ist, für den es errichtet wurde.

„Seit 1928 war das Ziel Pontis, das Ideal durch ein ebenso prunkloses wie ehrgeiziges Programm in die Tat umzusetzen: dasjenige des „Italienischen Hauses“, eines modernen, mediterranen, flexiblen Hauses“, so schrieb Maria Teresa Feraboli, Autorin einer „Geschichte der Wohnlandschaft“ (Case da sogno, 2019).

Die Stadthäuser von Gio Ponti (keine Villen, sondern moderne Eigentumswohnungen) wurden als „Personen“ und damit als das Gegenteil der Idee der „Wohn-Maschine“ betrachtet. Sie hatten sogar Namen, immer freundlich und weiblich: Domus Letizia, Aurelia, Carola, Fausta, Flavia, Serena und so weiter... „Von Frauen habe ich viel gelernt – und ich beziehe mich dabei auf die Architektur“, sagte er. „Einmal, als ich eine Wohnung entwarf, versuchte ich, eine gewisse Isolierung für das Kinderzimmer zu schaffen, damit ihr Lärm nicht in die anderen Räume eindringen konnte. ‚Ist es nicht schön, nach Hause zu kommen und den Lärm der Kinder zu hören?‘, widersprach die Mutter. Ich begriff dadurch die Idiotie, sich mit Problemen des Rückzugs und der Raumstille zu befassen...“.

Seine „domus“ sind als Serienbau konzipiert. Sie bilden eine Einheit in einem Vierteln und prägen somit nicht nur das urbane Bild eines Stadtteils, sondern auch seine Identität, seine Seele. Sie zeichnen sich nicht durch ausgefallene ästhetische Lösungen aus, sondern durch eine Dimension der Offenheit und Sympathie für das Leben, die dort stattfindet: „Von innen geht das ‚Haus italienischer Art‘ wieder ins Freie“, schrieb er. „Gio Ponti hatte das Verdienst, den Plan der Wohnungen neu zu erfinden“, betont Irace. „Die bis dahin am häufigsten verwendete Lösung war die des Korridors, auf dem sich die Räume befanden: Selbst die großen Rationalisten wie Giuseppe Terragni hatten sich nicht von diesem System entfernt. Ponti hingegen stellt das Wohnzimmer in die Mitte des Hauses als Gemeinschaftsraum, als Ort, an dem man verweilen, reden, sich unterhalten kann. Der Ort für das ‚Wir‘, das in diesem Haus lebte. Die anderen Räume hatten ihren Zugang um das Wohnzimmer herum und es wurde so zu einem natürlichen Treffpunkt für alle“. Ponti liebte das Wort „domus“ als Synthese einer Idee von Haus und einer Geschichte, bevorzugte aber am Ende noch mehr ein anderes Wort, „vivienda“. „Es ist ein schönes spanisches Wort für Zuhause, Wohnort. ‚Vivienda‘ ist eine sehr menschliche Dimension. Es ist nicht das „Haus des Menschen“, sondern das Haus für die Kinder, die alten Menschen, Frauen, den Schlaf, die Träume, die Ruhe, die Vergebung, die Trennungen, den Schmerz, die Faulheit, die Untätigkeit, die Liebe, die Geburt, den Tod....“.

All dies geschah aus der Perspektive eines Mailands, das zur menschlichen Modernisierung fähig ist und seine Geschichte respektiert. „Mailand“, hatte er in dem kostbaren Vademekum Amate l'architettura geschrieben, das 1957 veröffentlicht wurde und unlängst von Studenten von CL neu aufgegriffen wurde, „ist das jüngste ‚kontinuierliche‘ Phänomen in der italienischen Geschichte. Denn die Teilnahme an der wahren Tradition bedeutet, ‚neue Häuser auf eine neue Weise zu bauen‘, sie aber so zu bauen, wie man es vor fünfhundert Jahren getan hat.... Das bedeutet, die alte italienische Fähigkeit zur fortwährenden Verwandlung und zugleich den italienischen Mut zu bewahren“.

*Journalist, war er Redakteur der Monatsschrift Vita. Er schreibt für zahlreiche italienische Zeitungen, ist Präsident des Vereins „Giovanni Testori Onlus“ und Autor des Kunstblogs Robe da chiodi.