Äthipien - VON GOTT VERZAUBERT

Alles fing an mit einem Zelt im Nirgendwo. Die Salesianer-Schwester Laura erzählt von ihren zwanzig Jahren in der Mission. Lesen Sie selbst, was am Fuße der äthiopischen Berge entstanden ist ...
Paola Bergamini  

Der Morgen graut, als Schwester Laura, Salesianerin, 49 Jahre alt, vor das Militärzelt tritt, in dem sie ihre erste Nacht in Tigrai im äußersten Norden Äthiopiens verbracht hat. Es herrscht absolute Stille. Ringsum nur verbrannte Erde. Die Augen schweifen zu den Bergen am Horizont. Sie sind eigenartig rosa: Folge der Entlaubungsmittel, die die Hubschrauber des Diktators Meghistu während des Krieges versprüht haben. In der Ferne liegt, in eine Dunstwolke eingehüllt, die Stadt Adua. „Was mache ich hier?“ Schwester Laura kniet nieder in dieser trostlosen und zugleich faszinierenden Landschaft und betet. Es ist der 6. Februar 1994.

Zwanzig Jahre später denkt Schwester Laura Girotto an diesen Anfang zurück und blickt sich um. Dort, wo nichts war, steht jetzt eine Schule für 1.500 Schüler, vom Kindergartenalter bis zur Oberstufe. Eine Näherei und eine Strickerei. Treibhäuser. Landwirtschaftliche Betriebe, durch die sich die Mission selbst versorgen kann. Und schließlich, das neueste Projekt: ein Krankenhaus. Sie hat allein angefangen. Inzwischen stehen ihr acht Schwestern zur Seite. „Als mir die Mutter Oberin den Vorschlag machte, dachte ich schon, ich sei zu alt für die Mission, obwohl sie immer mein Traum gewesen war, meine eigentliche Berufung. Ich antwortete ihr: ‚Angesichts der Tatsache, dass es wahrscheinlich mein letzter Einsatzort sein wird, bitte ich Sie, mich an einen Ort zu schicken, der es wirklich wert ist.‘ ‚Keine Sorge‘, erwiderte sie, ‚ich schicke dich an einen wirklich armen Ort. Wir brauchen jemanden, der dort zurechtkommt.‘“



Seitdem ist Unglaubliches dort entstanden. Seit dem Tag, an dem Schwester Laura aus einem Flugzeug stieg, das irgendwo auf den Feldern gelandet war. Pater Giuseppe und zwei weitere äthiopische Priester erwarteten sie schon. Beim Mittagessen in der baufälligen Hütte der Mission fragte Schwester Laura, wie sie zu den italienischen Schwestern kommen könne, die sie in den ersten Monaten beherbergen sollten. Pater Giuseppe schaute sie erstaunt an: „Unmöglich. Das ist 120 km entfernt. Es gibt keine Straße und kein Auto.“ „Gut, dann bleibe ich in Ihrem Haus.“ „Auch das ist nicht möglich. Wenn Sie auch nur eine Nacht hier verbringen, wird man Sie als die Frau der Patres ansehen. Das wäre der völlig falsche Einstieg.“ Es fing also gut an! Das Flugzeug war schon wieder weg. „Ich habe ein Militärzelt. Das schlagen wir auf dem Gelände der Mission auf.“ Schwester Laura hatte nur einen kleinen Koffer mit dem Allernötigsten dabei.

Ein Ball aus Lumpen. Ein Zelt im Nirgendwo. Ohne Wasser und Strom. Sie betete darum, dass sie nicht auf und davon ginge. Auf dem Markt des Dorfes fand sie einen alten Gasherd und ein paar andere Dinge zum Überleben. Aber die Frage blieb: Was mache ich hier? Ein paar Tage später kam der Generalobere der Salesianer zu Besuch. „Wahrscheinlich werdet ihr Schulen bauen und große Dinge tun für die Leute hier. Aber denkt daran, dass es eure Aufgabe ist, das Charisma der Salesianer auszusäen. Sonst ist alles andere umsonst.“ Das war genau der Punkt: Laura war gesandt worden, um den zu verkünden, der sie im Alter von 19 Jahren berufen und ihr ganzes Leben erfüllt hatte. „Ich überlegte: Das Charisma der Salesianer geht durch die Kinder und Jugendlichen. Sich in die Gegebenheiten vor Ort einbringen und die Gesellschaft ändern durch die Erziehung der Jugend, das war das hier und jetzt Geforderte. Heiligkeit besteht darin, das Alltägliche zu leben, die kleinen Dinge gut zu machen.“

Jeden Tag betete sie das Gebet von Kardinal Newman – soweit sie es noch im Gedächtnis hatte: „Führe mich, du sanftes Licht. Ich bitte dich nicht, dass ich den fernen Horizont erkenne, sondern um ein Lichtlein für den nächsten Schritt.“ Eines Tages steht schweigend ein Grüppchen Kinder vor dem Zelt, schmutzig, nur spärlich bekleidet, und wartet auf sie. Aus Lumpen knotet sie einen Ball und fängt an, mit den Jungen Fußball zu spielen. Dann holt sie aus ihrem Köfferchen Nähzeug und zeigt den Mädchen, wie man Kleider säumt. Das war der Beginn der „Jugendarbeit“. Jeden Tag kamen sie wieder. Die Kinder brachten ihr ihre Sprache bei, Schwester Laura lehrte sie die Grundlagen der Hygiene. Irgendetwas zog sie immer wieder zu der weißen Dame, die sich mit ihnen beschäftigte und sie gern hatte.

Und die Erwachsenen? Die Frauen? Eines Morgens hört sie ein Stöhnen. Sie tritt aus dem Zelt und sieht ein junges Mädchen, das sich vor Schmerzen krümmt. Sie hat Wehen. Schwester Laura führt sie in ihr Zelt und erinnert sich blitzschnell an das, was sie in Zaire über Geburtshilfe gelernt hat. Sie hat nur ein paar Handtücher, ein Fläschchen Kölnisch Wasser und einen kleinen Vorrat abgekochtes Wasser. Während sie bei der Geburt assistiert, kommen die alten Frauen aus dem Dorf herein. Als das Kind geboren wird, fangen sie an zu singen. „Das hat mir klar gemacht, dass das Leben für sie ein Geschenk ist. Dann bedeuteten sie mir durch Gesten, dass man die Plazenta nicht wegwerfen darf, sondern vergraben muss, weil aus ihr das Leben hervorgeht. So nahmen sie mich mit in ihre Welt hinein. Das war der erste echte Kontakt.“ Und auch die erste von vielen Geburten, bei denen sie assistiert hat.

„Der Herr hat mich auserwählt, und ich habe ja gesagt. Auch mit 70 Jahren bin ich noch immer verzaubert von Ihm.“

Ein Lichtlein nach dem anderen zeigt ihr die nächsten Schritte. Es kommen noch zwei Schwestern hinzu, die sie unterstützen. Gemeinsam bringen sie den Frauen die Grundlagen der Hygiene, Gesundheitsvorsorge und Haushaltsführung bei. Oft sind es junge Mädchen von 13-14 Jahren, die bereits Kinder haben. Eine Schwester kümmert sich um die Babys, während die Mütter dem Unterricht folgen. Auch die Schule ist so „zufällig“ entstanden. Eines Tages erfährt Schwester Laura, dass eine deutsche Firma in der Gegend eine Textilfabrik bauen will und Arbeiter benötigt. Das Problem ist aber die Ausbildung. Auch hier wird das Wirken der Vorsehung deutlich: Laura hatte bis zu ihrem 18. Lebensjahr im Modebereich gearbeitet. Dann erfolgte ihre Ordensberufung. Die Welt der Mode schien verloren für sie. Aber: „Es stimmt, was der Psalm sagt: ‚Im Schoße deiner Mutter habe ich dich gerufen.‘ Je älter ich werde, umso mehr wächst in mir die Gewissheit, dass mein ganzes vorangegangenes Leben der Vorbereitung dieser Sendung gedient hat.“

Sie stellt den Kontakt her und übernimmt die Ausbildung der Arbeiterinnen. Die Firma bittet sie um einen Stromgenerator, eine Satellitenantenne und ein Fernsehgerät. Damit erhält sie Zugriff auf Modesendungen, die ihr helfen sollen, die Frauen zu unterrichten, die ja noch nie ein Hemd gesehen haben. Aus diesen Anfängen entsteht ein Kindergarten, eine Grund-, Haupt- und Oberschule. Heute ist es sogar eine Exzellenz-Schule. Alle Schüler erreichen so gute Noten, dass sie an die Universität gehen können. Daher gibt es viele Anfragen. Aber da ist Schwester Laura streng: Die Schule ist nur für arme Kinder da. Und wer zahlt die Gebühren? Dafür hat sie von Anfang an ihre Familie in Italien eingespannt, ein Netz von Beziehungen geknüpft und eine Stiftung gegründet.



 Auf einen Kaffee. Die Schule wächst, es werden neue Mauern hochgezogen. Aber was ist mit dem, was ihr der Generalobere an jenem Abend gesagt hat? „Manchmal war ich verzweifelt. Ich fühlte mich eher als Unternehmerin, denn als Missionarin. Für wen tat ich das alles? Nur für diese Jugendlichen. Aber wenn sie von mir abhängig bleiben im Bezug auf die wichtigsten Dinge, die sie zum Überleben brauchen, dann werden sie nie den Weg zur Freiheit finden, der der Weg der Kinder Gottes ist. Nur wenn sie zu einer größeren Liebe ja sagen können, werden sie die Botschaft des Christentums verstehen. So war es auch bei mir. Der Herr hat mich auserwählt, und ich habe ja gesagt und alle Widerstände überwunden. Auch mit 70 Jahren ist es noch so. Ich bin noch immer von Ihm verzaubert.“

2008 schließt der erste Jahrgang die Schule mit der „Graduation“ ab. Viele der Lehrer sind selbst ehemalige Schüler. Die Kidane Mehret-Mission wird offiziell eingeweiht. Doch Schwester Laura sollen noch neue „Lichtlein aufgehen“. 2009 erreicht sie ein Anruf von Italienern, die beruflich in Äthiopien sind und sie kennenlernen möchten. Bis zu diesem Augenblick kennt Schwester Laura Comunione e Liberazione nur vom Hörensagen. Eines Morgens kommen Graziano Debellini und Alberto Piatti „auf einen Kaffee“ vorbei. Sie unterhalten sich kurz mit ihr und schauen sich die Mission an. Dann sind sie wieder weg. Ein paar Tage später ruft Debellini an: „Wir möchten ihre Mission unter die Projekte aufnehmen, die wir durch den Verein Cena di Santa Lucia aus Padua finanzieren.“ Schwester Laura ist überwältigt. Sie waren doch nur so kurz da. Mit Graziano entsteht gleich eine Freundschaft. Und Schwester Laura wird neugierig auf die Bewegung. „Ich begann, die Bücher von Don Giussani zu lesen. Er ist ein Mann Gottes, der die Wirklichkeit sehr gut kannte. Mir ist eine große Ähnlichkeit mit Don Bosco aufgefallen, viele Einklänge zwischen den Charismen. Wenn sie sich getroffen hätten, wären sie sicher Freunde geworden. Je besser ich diese Leute kennenlernte, umso klarer wurde mir: Für sie wie für uns geht die Heiligkeit durch den Alltag.“

Schwester Laura Girotto

Die Beziehungen vertieften sich und die neuen Freunde ermöglichten es Schwester Laura auch, am Meeting in Rimini teilzunehmen. Dort lernte sie Pasquale Chiarelli kennen, einen Memor Domini, der für die Finanzen der Wohngemeinschaft Sollievo in San Giovanni Rotondo zuständig ist. Er sagte ihr zu: „Wenn Sie Hilfe brauchen, können Sie auf uns zählen.“ Zurück in Äthiopien erfährt sie, dass sich der Zustand eines leukämiekranken Mädchens verschlechtert hat. Sie schreibt Pasquale. „Ich weiß nicht wie, aber er hat es geschafft, sie nach Italien zu bringen. Dort haben sie sie wie eine Tochter aufgenommen.“ Doch das Mädchen stirbt. Bei ihrer Beerdigung sagen die Eltern – orthodoxe Christen, wie fast alle in Adua – zu Schwester Laura: „Wir sind sicher, dass der Herr uns diese Krankheit geschickt hat, damit wir eure Liebe erfahren können, durch die ihr uns wieder leben lasst.“ „Das ist unsere Art des Zeugnisses“, meint Schwester Laura, „so zu leben, dass die Leute sich fragen: ‚Warum tun die das?‘“

 Zäune und Freiheit. In Adua ist Gesundheit weiterhin eher die Ausnahme. Frauen und Kinder sterben an Krankheiten, die leicht heilbar wären: Durchfall, Dehydration, Verletzungen bei der Entbindung. Die äthiopischen Behörden beauftragen Schwester Laura, dieses unnötige Sterben zu verhindern. „Durch eine Studie haben wir festgestellt, dass wir in 20 Jahren 13 Prozent unserer Frauen und Kinder verloren haben. Eigentlich ist unser Aufgabenbereich die Bildung, aber um sie ausbilden zu können, müssen wir sie erst einmal am Leben erhalten. Deshalb kommt dieser Auftrag von den Behörden ... und vom lieben Gott. Wir müssen die Zeichen erkennen, die Er uns an den Weg stellt. Er sagt einem nie, was man tun soll, man muss es selbst herausfinden.“

„Wir müssen die Zeichen erkennen, die Gott uns an den Weg stellt. Er sagt einem nie, was man tun soll, man muss es selbst herausfinden.

Schwester Laura schlägt den Spendern und Freunden der Mission von Adua vor, ein Krankenhaus zu bauen. Die Regierung schenkt ihnen ein Grundstück und der italienische Architekt Angelo Dell’Acqua macht unentgeltlich die Pläne. Das Problem aber sind die Arbeiter vor Ort. Wie kann man die anleiten? Sie bittet den Orden von San Giuseppe Cottolengo um Hilfe. Es kommen zwei Nonnen. Aber das reicht nicht. Da kommt Schwester Lucia noch etwas in den Sinn: Als sie wegen einer Blutvergiftung im Krankenhaus von Padua behandelt wurde, waren sowohl die Oberschwester als auch der Chefarzt der Radiologie von den Memores Domini. Und dann ist da ja noch die Freundschaft mit Pasquale ... So erledigen sich manche normalen Dinge etwas anders. Man muss die Zeichen der Vorsehung nur erkennen und ihnen folgen!

Durch die Vermittlung von Freunden kommt sie zu einem Treffen mit Carrón. „Ich hätte ihm stundenlang zuhören können. Es ist wichtig, dass wir auf der Ebene der Charismen zusammenarbeiten, an denen die Kirche so reich ist. Ich verstehe das als einen Ruf des Heiligen Geistes und denke dabei auch an die Ansprache von Papst Franziskus an die Bewegungen. Man darf keine Zäune um sein Territorium ziehen. Der Geist ist Freiheit, und die Gemeinschaft der Charismen ist jene Einheit, für die Jesus beim letzten Abendmahl gebetet hat: ‚Alle sollen eins sein, wie ich und der Vater eins sind.‘ Gemeinsam tragen wir die Botschaft vom Reich Gottes. In Afrika, wo es so viele Spaltungen durch unterschiedliche Traditionen, Ethnien und Religionen gibt, ist die klarste Botschaft, die wir geben können, das Zeugnis der Gemeinschaft und Zusammenarbeit. Dann kommt auch die Frage wieder auf: ‚Warum tun die das?‘“



Die Mauern des Krankenhauses stehen. Aber es gibt noch viel zu tun. „Ich weiß nicht, was der Herr noch alles von mir verlangen wird. Aber ich weiß, dass ich für diese Armen bis zu meinem letzten Atemzug arbeiten werde, denn so ‚wird man keine alte Jungfer‘, wie Papst Franziskus einmal gesagt hat. Nur so ist in meiner Berufung eine Mütterlichkeit aufgeblüht, die immer wahrer und immer menschlicher wird.“ Schwester Laura schweigt einen Moment. Dann fügt sie hinzu: „Eigentlich bin ich jetzt ja mehr Oma als Mama.