Michael Lonsdale. Szene aus dem Film "Von Menschen und Göttern"

MICHAEL LONSDALE: ÜBER HOLLYWOOD ZU GOTT

Carlo Dignola

Ein Hollywood-Schauspieler, der das Evangelium liebt? Michael Lonsdale ist so einer. In dem Film Von Menschen und Göttern spielte er einen der Mönche von Tibhirine. Er erzählt uns, wie Jesus ihn „sanft“ erobert hat.

„Es gibt sehr schöne Dinge in den Weisheitsschriften des Hinduismus, wunderbare Buddhisten, beeindruckend weise Hindus, Sufis … Ich habe Laotse und Konfuzius mit größter Freude gelesen. Der Mensch hört nie auf zu suchen. Aber das Wahrste, was ich in meinem Leben gelesen habe, ist das Evangelium. Das Wort Jesu ist wirklich gerecht, es bringt wahrhaft Leben hervor.“

Michael Lonsdale ist 83 Jahre alt und Schauspieler mit einer eindrucksvollen Vita. In beinahe 150 Filmen hat er mitgespielt, darunter in so großen Hollywood-Produktionen wie München von Steven Spielberg und dem James Bond-Film Moonraker. Er hat mit Regisseuren wie Orson Welles, François Truffaut, Louis Malle, Jean-Luc Godard und Luis Buñuel gearbeitet. Und 2010 in dem Film Von Menschen und Göttern einen der Mönche von Tibhirine in Algerien verkörpert, die 1996 von einer islamistischen Gruppe ermordet wurden. Seit den 1950er Jahren hat Lonsdale auch zahlreiche Fernsehrollen übernommen und im Theater unter anderem Werke von Shakespeare Proust, Samuel Beckett, Camus, Ionesco und Pavese gespielt, teilweise sogar selbst inszeniert.

In den letzten Jahren hat er mehrere Bücher herausgebracht, in denen er die Texte und Bilder vorstellt, die ihn auf seinem Weg zu Gott begleitet haben. Er hat sich dem Christentum über viele Etappen genähert. Jesu hat ihn „sanft“ erobert, wie er Spuren erzählt: „Mein Vater war ein englischer Protestant, meine Mutter eine französische Katholikin. Wir gingen aber nicht in die Kirche. Meine Eltern hatten, was damals selten war, beschlossen, mich nicht taufen zu lassen. Aber meine Mutter liebte Jesus sehr: Sie war der erste Mensch, der mir von ihm erzählte.“

AUF DER SUCHE. Als Michael sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Rabat, Marokko. Das erste religiöse Buch, das Michael las, war der Koran. „Mit 15 freundete ich mich mit einem Muslim an, einem Antiquitätenhändler aus Fés“, berichtet er. „Der erzählte mir von Gott, abends, in den Cafés unserer Stadt. Ich war fasziniert. Aber ich bin nie Muslim geworden.“

Seine Bekehrung erfolgte nicht durch Bücher. Es waren Begegnungen, die sein Leben veränderten. Lonsdales Erinnerungen sind voll von Namen, Orten, Momenten und Gesichtern, die entscheidend für ihn wurden. „Jesus ist für mich ein ganz konkreter Mensch aus Fleisch und Blut.“ Und wie ist er ihm begegnet? „Ich war auf der Suche. Da lernte ich einen wunderbaren Dominikaner kennen, Pater Raymond Régamey, nach meiner Rückkehr nach Paris. Ich ging immer wieder zu seinen Vorträgen, weil er die Beziehung zwischen Kunst und Glauben so leidenschaftlich darstellte. Eines Tages besuchte ich ihn im Kloster Saint- Jacques. ‚Was suchst du?‘, fragte er mich. ‚Ich weiß es nicht. Ich suche nach etwas Wahrem, Gutem, Großem …‘  ‚Vielleicht ist es einfach Gott, den du suchst‘, antwortete er mir.“

Szene aus dem Film ''Von Menschen und Göttern''

Der Mensch aber, der Michaels Leben wirklich auf den Kopf stellte, war kein Mönch, sondern eine blinde Frau: Denise Robert. „Sie war ein wunderbarer Mensch. Sie lächelte immer, war ständig fröhlich, ein Lichtstrahl. Wir haben viele Nachmittage zusammen verbracht und uns über alles Mögliche unterhalten. Pater Régamey habe ich nicht immer verstanden. Er benutzte Worte, deren Bedeutung mir völlig fremd war. Aber Denise hat mir viel geholfen auf meinem Weg zum Christentum. Sie lief sehr gerne durch Paris, sie kannte die Stadt sehr gut. Sie hat mich zum Beispiel in die Kapelle der Wundertätigen Medaille in der Rue du Bac geführt. Wir haben viel gelacht miteinander, und sie erklärte mir das Evangelium. Sie hat mir alles über Jesus erzählt.“

EIN GLÜCKLICHER MENSCH. Mit 22 beschließt Michael, sich taufen zu lassen, und zwar im Kloster Saint- Jacques. Taufpatin ist natürlich Denise. „An jenem Tag kamen mir immer wieder die Tränen!“ Dieses Kloster war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein bedeutender Treffpunkt französischer Intellektueller. „Ich bin dort herausragenden Theologen begegnet wie Marie-Dominique Chenu und Yves Congar.“

Eine weiterer Umbruch erfolgte in den Achtzigerjahren, als kurz nacheinander seine Mutter („sie war jahrelang krank, aber sie zu verlieren, war hart“), Denise und weitere liebe Menschen starben. „Ich hatte die Lebenslust verloren. Ich wollte niemanden sehen und nichts mehr hören.“  In dieser Zeit begegnete Lonsdale der Charismatischen Erneuerungsbewegung und der Gemeinschaft Emmanuel. Wie kam es dazu? „Ich fahre oft nach Paray-le-Monial. Der Ort und die romanische Kirche gefallen mir gut. Dort traf ich freundliche, offene, warmherzige Christen. Und auch Dominique Rey habe ich dort kennengelernt, der jetzt Bischof von Toulon ist. Wir sind sehr gute Freunde geworden und er hat mir sehr geholfen.“

In den letzten Jahren widmete sich Lonsdale als Schauspieler „nur Werken mit geistlichem Inhalt. Die Schauspielerei ist schon längst kein bloßer Job mehr für mich, sondern die Art und Weise, wie ich auf den Ruf Christi antworte.“ Er spielte Priester, Mönche, Kardinäle, den Rektor der großen Moschee in Paris und den Erzengel Gabriel … „Aber ich habe auch böse Rollen übernommen, wie zum Beispiel die des Teufels in den Brüdern Karamasow.“

Vor allem aber hat er (teilweise auch als Regisseur) viele „normale“ Christen auf die Bühne gebracht, wie den Landpfarrer von Bernanos, Therese von Lisieux, Madeleine Delbrêl ... „Das sind Menschen, die der heutigen Welt etwas zu sagen haben, ihr Hoffnung geben können. Ich habe auch die Fioretti des Heiligen Franz von Assisi, meines Lieblingsheiligen, rezitiert. Außerdem habe ich mich mehrmals mit Guy Gilbert getroffen, der Jugendliche von der Straße aufliest.“ Lonsdale mag offenbar vor allem einfache und direkte Christen, die einen eher „affektiven“ als intellektuellen Zugang zum Glauben haben. „Den jetzigen Papst Franziskus finde ich ganz famos. Er verändert so manches in Rom. Ich bewundere vor allem die Art, wie er sich den Armen zuwendet.“

Der Höhepunkt dieses Weges war sicherlich seine Rolle als Frère Luc in Von Menschen und Göttern. „Eine so essentielle, wahrhaftige Figur, der Heiligkeit so nahe. Außerdem stellt er für mich den Inbegriff eines glücklichen Menschen dar: Die Liebe zum Nächsten macht glücklich.“
PÉGUY. Inzwischen hat Lonsdale eine weitere christliche Gestalt entdeckt, die ihn stark fasziniert: Charles Péguy. „Zusammen mit einem anderen Schauspieler lese ich Teile seiner Werke. Er ist ein wunderbarer Mensch. Die Leute sind sehr interessiert an ihm. Was Péguy vor 50 Jahren sagte, bewahrheitet sich jetzt. Das ist unglaublich. Er war gewissermaßen ein Prophet. Auch bei ihm scheint mir die Frage der Hoffnung entscheidend ... Wenn wir sonntags nach dem Gottesdienst aus der Kirche kommen, sollte der Glaube auf unseren Gesichtern ablesbar sein. Wir sind aber oft zu ängstlich.“

Die kurze Selbstbiographie von M. Lonsdale

Lonsdale schreibt, dass im heutigen Menschen „etwas zerbrochen ist“. Was meint er damit? „Sie sehen ja, was in Frankreich oder in Libyen passiert, die Terroranschläge. Ich bin erschüttert. Als ich jung war, habe ich unter Muslimen in Marokko gelebt. Ich hatte gute Freunde dort, doch das waren überhaupt keine Fanatiker. Die wahren Muslime sind schockiert über die Attentate vom 7. Januar und den Islamischen Staat. Im Koran steht nichts davon, dass man Leute umbringen soll. Die Terroristen sind Fanatiker. Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit.“ Das Böse hat es zwar schon immer gegeben. „Aber jetzt ist der Moment, in dem wir Christen zu unserer eigentlichen Aufgabe zurückkehren müssen: Menschlichkeit zu verbreiten.“


ZUR PERSON 

Michael Lonsdale wurde am 24. Mai 1931 in Paris geboren, seine Mutter war Französin, sein Vater Engländer. Von 1939 bis 1947 lebte er in Marokko. In arbeitete u.a. mit Spielberg, Truffaut, Malle, Godard und Buñuel. Für seine Darstellung des Frère Luc in Von Menschen und Göttern erhielt er den César 2011 als bester Nebendarsteller.