Von Freundschaft überrascht

Am 19. September ist der irdische Lebensweg von Prof. Dr. Nikolaus Lobkowicz zu Ende gegangen. Er gehört zu den großen katholischen Intellektuellen der Nachkriegszeit mit europäischem Format.

Von 1984 bis 1996 war Prof. Lobkowicz Präsident der Katholischen Universität in Eichstätt. In dieser Zeit hat er sich bei Don Giussani darum bemüht, Studierende unserer Bewegung nach Eichstätt zu holen; in der Folge ist in Eichstätt das erste Haus der Memores Domini in Deutschland entstanden. Don Luigi Giussani, dem er immer wieder begegnete, war ihm ein Zeuge und auch Wegbegleiter. Zu ihm ist eine Freundschaft voller Wertschätzung für dessen Charisma entstanden. Das Vorwort, das er zum Band Das Wagnis der Erziehung geschrieben hat, legt ein bedeutsames Zeugnis davon ab.

Wir veröffentlichen hier einen Beitrag von ihm, der im Spuren-Heft vom Dezember 2001 erschienen ist.

Die Katholische Universität Eichstätt

Als ich im Sommer 1984, von der Universität München kommend, das Amt des Präsidenten der einzigen katholischen Universität Deutschlands übernahm, gewann ich bald den Eindruck, ich müsste etwas seitens der Studenten aufbauen; die größte Schwäche der Katholischen Universität Eichstätt schien mir zu sein, dass weder die Professoren noch die Studenten sich darüber freuten, dass ihre Universität eine katholische ist. Damals hatte ich von CL und Don Giussani nur gehört, ich glaube, es war v. Balthasar, der mir von der Bewegung erzählt hatte. Also flog ich nach Mailand und bat Don Giussani, mir ein paar Studenten zu schicken (es kamen dann vor allem Studentinnen). Rückblickend meine ich des Öfteren, es sei das einzig wirklich Bedeutende gewesen, dass ich während meiner 12jährigen Amtszeit erreicht oder doch getan habe. Es war wohl eine Eingebung des Hl. Geistes. Denn in einer nicht leicht greifbaren, aber von mir ganz persönlich erlebten Weise veränderten die zunächst wenigen Mitglieder der CL die Eichstätter Universität. Sie brachten Freude am Katholischsein mit sich – etwas, was es damals zumal unter jüngeren katholischen Intellektuellen kaum gab.

Was mich am meisten beeindruckte, war neben ihrer spontanen Fröhlichkeit ihr Sinn für Freundschaft und ihre völlig unverkrampfte Kreativität. Später hatte ich das Glück, einige Mitglieder von CL als meine engsten Mitarbeiter gewinnen zu können: Guido, Martin und Chiara, die bis heute meine Sekretärin ist. Auf sie konnte ich mich immer uneingeschränkt verlassen, weil sie ungeachtet ihrer Jugend „erwachsene Katholiken“ waren: innerlich frei, von ansteckender Fröhlichkeit, mit immer neuen guten Ideen, dabei ohne jede Aufdringlichkeit. Was mir an CL am meisten gefiel – ich habe später Don Giussani mehr­mals getroffen, war bei einem Treffen in den Dolomiten, das er leitete, nahm zweimal am Meeting in Rimini teil – war die Synthese von uneingeschränkter Treue zur Kirche und Offenheit für „die Welt“. Sie kritisierten höchstens sich selber und sahen, soweit es nur möglich war, in Tendenzen und Entwicklungen „der Welt“ das Positive und hatten darüber hinaus einen Sinn für alles, was zeitgenössische Kultur betraf. Dass sie auch beteten, merkte man nur, wenn man es entdecken wollte ...

Ich sollte wohl hinzufügen, dass Don Giussani und seine Freunde auch meine persönliche Gläubigkeit mitgeprägt haben. Sie waren und sind für mich lebendige Beispiele dafür, was C.S. Lewis mit dem Titel seiner Autobiographie ausdrückte: Surprised by Joy, „von Freude überrascht“, von der Freude, einem Herrn dienen zu dürfen, der zugleich der treueste Freund ist, in einer Kirche wirken zu dürfen, in der letztlich alles Wesentliche Ausdruck der Freundlichkeit Gottes ist. Es geht nicht um Sätze, die man für wahr halten soll (obwohl es auch diese gibt), es geht nicht um Riten und Traditionen (so wichtig diese sein mögen), man muss nicht schlaue Politik betreiben (so unentbehrlich diese gelegentlich sein mag), alles dreht sich um die personale Beziehung. Mit das Beeindruckendste an Don Giussani und seinen Freunden ist die freudige Bereitschaft, auf allen Wegen immer wieder der Frage nachzusinnen: „Was willst Du, Herr, von mir, hier und heute?“ Und das Vertrauen, dass Christus auch dort anwesend ist und wirkt, wo auf den ersten Blick „Gottverlassenheit“ herrscht in der Welt, wie sie eben heute aussieht.

von Nikolaus Lobkowicz